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28. 04. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Die Qual der Wahl

Schülern fehlt die Orientierung auf dem Arbeitsmarkt

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Berufswahl: Manchmal zum Haare raufen...

Die Studienabbrecherstudie 2002 brachte das traurige Ergebnis ans Tageslicht: 27 Prozent der Studierenden brechen ihr Erststudium ab und besonders in geisteswissenschaftlichen Fächern setzt mit einer Schwundquote von 58 Prozent eine wahre Massenflucht ein. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn nahm deshalb die Schulen in die Pflicht: "Bereits in der Schule müssen die künftigen Studierenden das kennen lernen, was sie später in der Hochschule erwartet." Aber auch bei den Auszubildenden zeichnet sich ein düsteres Bild ab: Nach einer Studie des "Bundesinstituts für Berufliche Bildung" (bibb) aus dem Jahr 2002 bricht jeder Vierte seine Ausbildung vorzeitig ab. Ein Drittel der Befragten gibt als Grund für den beruflichen Spurwechsel andere Vorstellungen vom gewählten Beruf an.

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Eine abgedroschene Volksweisheit, die aber mehr denn je den Nerv der Zeit trifft. Schulabgänger können zwischen 380 Ausbildungsberufen und 3900 Studiengängen in Deutschland wählen. Doch wer hilft ihnen dabei, die richtige Berufsentscheidung zu treffen? Neben Elternhaus und Freunden spielt die Schule beim Übergang ins Berufsleben eine zentrale Rolle, denn die Lehrer kennen die Stärken und Schwächen ihrer Sprösslinge genau und können den Schülern Instrumente zur Entscheidungsfindung an die Hand geben. In der Schule ist die Berufsorientierung aber kein eigenes Fach, sondern "nur" eines von mehreren Aufgabengebieten, das zum Beispiel als Arbeitslehre fächerübergreifend vermittelt werden soll - in Deutsch, Wirtschaft oder Technik.

Doch viel Aufmerksamkeit bekommen die so genannten Aufgabengebiete nicht: Nur ein Bruchteil des Unterrichts wird darauf verwendet und das meist auch nur in den letzten beiden Schuljahren. Vor allem die Gymnasien fristen im Bereich der Berufsorientierung ein Mauerblümchendasein. Das liegt auch am Selbstverständnis der Schulen, die oft die einzige Berufung ihrer Schüler in einem Hochschulabschluss sehen.

Schule und berufliche Welt nicht hinreichend verzahnt
Natürlich machen Schüler heutzutage Praktika, Betriebsbesichtigungen oder einen Ausflug an die Hochschule. Natürlich gibt es die Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt, Sprechstunden beim Berufsberater und die Besuche im Berufsinformationszentrum, aus dem viele Schüler genauso ratlos herauskommen wie sie hineingegangen sind. Und natürlich gibt es die viel gelobte Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, bei der sich mittlerweile 450 Unternehmen an Schulen engagieren. Die löbliche Aktivität der Unternehmen ist vielleicht auch ein Indiz dafür, dass die Schulen im Bereich Berufsorientierung Nachhilfe brauchen: Wirtschaftsvertreter klagen schon seit Jahren, dass knapp die Hälfte der Jugendlichen bei Bewerbungsgesprächen keine ausreichenden Vorstellungen der eigenen Stärken und Schwächen und darüber hinaus auch ein falsches Bild des angestrebten Berufs mitbringt.

Jörg Ungerer von Einstieg, dem Unternehmen, das auf den gleichnamigen Messen Schüler mit der Wirtschaft und den Hochschulen zusammenbringt, sieht das Problem in der mangelnden Info über Ausbildung und Studienmöglichkeiten: "Die schulische Welt ist noch nicht hinreichend mit der beruflichen Welt verzahnt. Tendenziell leiden Schüler nach ihrem Abschluss an einem Orientierungsdefizit". Für den Experten von Einstieg ist allerdings auch ein Hoffnungsstreifen am Horizont zu sehen, denn neuerdings setzt sich die Devise "anschlussorientiert anstatt abschlussorientiert" in deutschen Schulen durch.

OECD fordert mehr Berufsberatung an deutschen Schulen
Eine OECD-Studie zur Berufsberatung kritisiert, dass der Schwerpunkt an Schulen darin zu liegen scheint, sicherzustellen, dass die Schüler wissen, wie die Arbeitswelt funktioniert und nicht so sehr darin, ihnen aufzuzeigen, dass sie Wahlmöglichkeiten haben und sie auf diese Wahl vorzubereiten. Die Autoren der Studie aus dem Jahr 2002 fordern eine Verstärkung der Berufsberatung in Bildungseinrichtungen, denn "das Verständnis von Arbeitslehre widmet der Entwicklung von Fähigkeiten zur Selbsteinschätzung, Entscheidungsfindung und Berufsplanung nur geringe Aufmerksamkeit".


Vorreiter in der schulischen Berufsorientierung könnte Hamburg werden: Ab dem nächsten Schuljahr soll es in der Hansestadt Rahmenlehrpläne für Aufgabengebiete geben, also auch für die Berufsorientierung. Verbindliche Richtlinien schreiben den Schulen vor, was Schüler am Ende der Jahrgangsstufen kennen oder können sollen. Zum Beispiel "eine begründete Entscheidung für den Übergang in die Sekundarstufe II oder in eine Berufsausbildung selbstständig und eigenverantwortlich treffen" oder "die eigenen Interessen und Fähigkeiten realistisch einzuschätzen". Diese Fähigkeit in Kombination mit einer genauen Kenntnis der Arbeitswelt, der Berufsbilder und Studiengänge würde die Abbrecherquoten vermutlich deutlich sinken lassen. Bleibt zu hoffen, dass noch mehr Bundesländer die Bedeutung der Berufsorientierung erkennen und sich auf den Weg machen. 

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 28.04.2003
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