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24. 03. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Gradmesser für Integration - Teil 2

Lehrende mit Migrationhintergrund an Hochschulen

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Dr. Yasemin Karakasoglu

Bildung PLUS: Sie sind Turkologin und Pädagogin und kommen aus einer türkischen Familie. Wie ist eine Karriere als Wissenschaftlerin in der türkischen Gemeinde angesehen? Wie sind Sie im Elternhaus auf eine Laufbahn als Wissenschaftlerin vorbereitet worden?

Karakaşoğlu: Mein Elternhaus ist ein gemischt deutsch-türkisches. Meine Laufbahn als Wissenschaftlerin ist bislang in der türkischen Gemeinde als sehr positiv beobachtet und angenommen worden. Ich erlebe immer wieder, dass mir Menschen auf der Ebene von Vereinen, Moscheen und türkischen Organisationen sagen, sie wären stolz darauf, dass jemand es an die Universität geschafft hat und in einem überwiegend deutschem Kollegium anerkannt ist. Die Gründe dafür liegen darin: Ich werde als eine Repräsentantin der türkischen Gemeinde in Deutschland empfunden. Ganz besonders freue ich mich, wenn Studentinnen türkischer Herkunft, aber auch mit anderen Migrationshintergründen, meine Anwesenheit an der Universität als ein mutmachendes Signal ansehen, selbst diesen Weg zu gehen oder ihren eigenen Weg zu finden. 

Bildung PLUS: Sie sind auch Vorbild für junge Migrantinnen?

Karakaşoğlu: Ich bin nicht mit diesem Ideal angetreten; es ist an mich herangetragen worden. Ich lehne das nicht ab, denn ich finde es gut, Mut machen zu können.

Mit dem wissenschaftlichen Lebensweg bin ich in meiner türkischen Familie gar kein so buntes Huhn. Wir haben einige Frauen mit einem akademischen Hintergrund, wenn auch keine wissenschaftliche Karriere im engeren Sinne. Weder ich noch meine Eltern haben die wissenschaftliche Laufbahn direkt geplant. Aber: Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Ich habe eine Chance bekommen zu studieren und danach einen Beruf ergriffen, der meinen Neigungen entspricht. 

Bildung PLUS: Welche Erfahrungen haben Sie im Wissenschaftsbetrieb gemacht?  

Karakaşoğlu: Gute Erfahrungen habe ich immer dann gemacht, wenn in erster Linie meine wissenschaftlich Qualifikation im Vordergrund steht. Wenn man schätzt, was ich bearbeite, zu welchen Schlussfolgerungen ich gekommen bin, wenn man mich als Gesprächspartnerin wegen meiner Erkenntnisse schätzt.

Ich habe es immer als negativ empfunden, alleine über meine ethnische Herkunft definiert zu werden. Es ist richtig zu sagen, dass die Herkunft eine zusätzliche Qualifikation sein kann, aber das sollte nicht im Vordergrund stehen.

Wenn man etwa zu einer Veranstaltung eingeladen wird, passiert es schon, dass das Podium nach bestimmten Kriterien zusammengesetzt wird und ich dort einen bestimmten Typ von Migrantin repräsentieren soll. Dann sucht man nach einer jüngeren Frau, die ein möglichst modernes Erscheinungsbild haben, muslimischer Herkunft sein soll und dann wäre es schön, wenn diese Frau noch im sozialwissenschaftlichen Bereich geforscht hätte. Dann kommt man u.a. auf mich und sagt: Ja, das passt, eventuell ohne dass man sich tatsächlich inhaltlich mit meiner Arbeit auseinandergesetzt hätte.

Bei Deutschen, die eingeladen werden, wird auf solche Merkmale keine Rücksicht genommen. Dann empfinde ich mich als jemand, die nach persönlichen Merkmalen gescant wird, die mit meiner wissenschaftlichen Laufbahn nichts zu tun haben.

Es ist für mich auch kränkend, wenn man mir besonders gute Deutschkenntnisse im Wissenschaftsbetrieb bescheinigt. Denn ich gehe selbstverständlich davon aus, dass ich die deutsche Sprache beherrsche, wenn ich hier arbeite und in dieser Sprache auch lehre. Eine solche Betonung ist für mich die Wiederholung des Bildes der ziemlich ungebildeten Einwanderer, die nicht richtig Deutsch sprechen können. 

Bildung PLUS: An den Hochschulen sieht man immer mehr junge Musliminnen, junge Frauen mit Kopftüchern. Welche Orientierungen haben diese Frauen?

Karakaşoğlu: So pauschal lässt sich das nicht sagen. Ich habe hierzu Untersuchungen durchgeführt und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es nicht nur eine Gruppe von "Kopftuchträgerinnen" gibt, die eine bestimmte religiöse Orientierung eint. Gemeinsam ist ihnen lediglich, dass sie sich in der Regel selbst dazu entschlossen haben, es zu tragen. Das Kopftuch kann dabei durchaus Verschiedenes ausdrücken.

Für die einen ist es ein Ausdruck ihrer tiefen Beziehung zum Islam, ein Ausdruck ihres Wunsches, die Gebote des Islam möglichst lückenlos zu erfüllen. Es geht dann einher mit einem sehr religiösen Lebensstil.

Für eine andere Gruppe ist das Kopftuch ein Symbol ihrer positiven Identifikation mit ihrer ethnisch-religiösen Herkunft und eines eigenen Weiblichkeitsideals. Das muss nicht zwangsläufig einhergehen mit einer intensiven religiösen Praxis.

Für eine dritte Gruppe stellt das Kopftuch eine Möglichkeit dar, die Zugehörigkeit zu einer neuen, eigenständigen Jugendkultur nach außen zu tragen. Damit drückt man aus, dass man ein positives, mit der Moderne zu vereinbarendes, muslimisches Selbstbewusstsein hat. Das in der Mehrheitsgesellschaft negativ besetzte Symbol wird dadurch, dass man es offensiv trägt, umgedeutet in ein positives Selbstverständnis. Das ist vielleicht vergleichbar mit der schwarzen Bewegung: "Black is beautiful". Das, was stigmatisiert, wird positiv umgedeutet.

Die stärkere öffentliche Präsenz von Mädchen und jungen Frauen mit Kopftuch täuscht über die Tatsache hinweg, dass sie eine Minderheit unter den jungen muslimischen Frauen in Deutschland sind. Die überwiegende Mehrheit der jungen muslimischen Frauen in Deutschland trägt kein Kopftuch. Ob Kopftuch oder nicht, die jungen Musliminnen, die in Deutschland zu 80% türkischer Herkunft sind, fühlt sich mehrheitlich einem säkularen Staats- und Religionsverständnis verbunden.


Yasemin Karakaşoğlu, 37, hält die Balance zwischen Wissenschaft und Praxis: Auf der Ebene der Landes- und Bundespolitik berät sie Bildungspolitiker zum "Dialog mit dem Islam" und der Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen aus Migrantenfamilien. Sie setzt sich ein für den Dialog der deutsch-türkischen Jugend als Mitglied der Jury bei der Körber-Stiftung. Parallel arbeitet sie an einer Habilitation zum Thema: "Lebenslagen und Orientierungen von Mädchen und jungen Frauen aus Zuwandererfamilien unter besonderer Berücksichtigung der Bildungskarrieren und religiösen Orientierungen".
Sie ist darüber hinaus Expertin des Bildungssystems in der Türkei.

Autor(in): Arnd Zickgraf
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Datum: 24.03.2003
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