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24. 03. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Gradmesser für Integration - Teil 1

Situation von ausländischen Mädchen und Frauen

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Dr. Yasemin Karakasoglu

Bildung PLUS: Sie sind als Expertin für Migrantenfragen derzeit viel gefragt. Ihr Schwerpunkt "Lebenslagen und Orientierung von Mädchen und jungen Frauen aus Zuwandererfamilien" ist hochaktuell. Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?

Karakaşoğlu: Ich beschäftige mich aus sozialwissenschaftlicher Perspektive mit dem Thema Migration. Da liegt es nah, über junge Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund zu forschen. Denn an der Lebenssituation und -orientierung dieser speziellen Gruppe wird oftmals die Integrationsfähigkeit und -bereitschaft von Migrantengruppen insgesamt bewertet. Man kennt diesen Topos von dem türkischen Mädchen, das von dem Vater und den patriarchalischen traditionellen Normen der Familie unterdrückt wird. Es bewegt sich in einem engen Rahmen und kann sich mit den eigenen Vorstellungen nicht durchsetzen. Zu diesem Thema gibt es zahlreiche Artikel und Ansätze aus der sozialwissenschaftlichen Forschung, aber es gibt keine Grundlagenforschung, bei der man aus dem interkulturellen Vergleich sagen könnte, das sind die Erfahrungen und Sichtweisen der Mädchen.

Bildung PLUS: Seit Dezember 2000 leiten Sie das Forschungsprojekt "Quantitative Erhebung der Lebenssituation von Mädchen und jungen Frauen ausländischer Herkunft"  im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Über welche Zwischenergebnisse können Sie uns berichten?

Karakaşoğlu: Ich leite das Projekt zusammen mit Frau Prof. Ursula Boos-Nünning. Ich kann zu dem Projekt derzeit noch keine Zwischenergebnisse bekannt geben, weil wir in der Auswertung begriffen sind.

Die Ergebnisse werden allerdings sowohl für die Sozial- wie auch für die Bildungspolitik bedeutend sein,da es sich dabei um die ersten interkulturell vergleichenden und quantitativ angelegten Daten für Mädchen mit Migrationshintergrund handelt. Wir werden Aufschluss über notwendige Veränderungen im Bereich der Sozialpolitik, im Bereich der Mädchenarbeit, aber auch im Bereich des wissenschaftlichen Umgangs mit dem Thema: Mädchen ausländischer Herkunft erhalten. Wir haben Daten über:

  • Situationen im Elternhaus,
  • Schulkarrieren,
  • Sprachnutzung,
  • Ausbildungsplatzsuche,
  • Wohnungssituation,
  • Freizeitverhalten und
  • religiöse Orientierung.

Ein Thema, das bisher kaum behandelt worden ist, wird eine Rolle spielen: Körperverständnis und Partnerschaftsverhalten bei Mädchen ausländischer Herkunft. Das ganze Spektrum der Lebensbereiche eines Menschen für die fünf größten MigrantInnengruppen: Türkinnen, Italienerinnen, Griechinnen, ehemalige Jugoslawinnen und Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. 

Bildung PLUS: Welchen Stellenwert hat Bildung bei türkischen Migrantinnen und Migranten? Wie stellt sich die Bildungssituation von Migrantinnen und Migranten in Deutschland derzeit dar?

Karakaşoğlu: Bildung ist für die Mehrheit der Migrantenfamilien aus der Türkei ein hohes Gut. Dies belegen alle quantitativ angelegten Studien zu den   Erziehungsvorstellungen von Eltern. Die junge Generation sieht darin die Möglichkeit eines Aufstiegs. Allerdings haben wir es im Ergebnis mit verschiedenen Vorstellungen zu tun, die aufeinanderprallen:

  • die Ansprüche des deutschen Bildungssystems an Eltern von MigrantInnen,
  • die Rolle der Elternhäuser bei der Weiterentwicklung der Bildung,
  • die Vorstellungen von türkischen Eltern, die Schulen würden ihnen schon die besten Bildungsmöglichkeiten anbieten, etwa bei Migrantinnen, die durch Heiratsmigration nach Deutschland gekommen sind.

In vielen türkischen Elternhäusern ist die Vorstellung nicht angekommen, dass Eltern die Kinder für die Schule vorbereiten müssen.

Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sind insgesamt überrepräsentiert in Schulkindergärten, Vorklassen, Sonderschulen für Lernbehinderte, sowie in Haupt- und Gesamtschulen. Aber sie sind unterrepräsentiert an Gymnasien und Realschulen. Zu etwa 20 Prozent machen sie keinen Schulabschluss. Dramatisch bei denjenigen, die keinen Schulabschluss machen, ist, dass ein Drittel aus der Sonderschule kommt, und sie damit ganz besonders schlechte Voraussetzungen haben, in diesem System ihren Platz zu finden. 

Diese Befunde verleiten dazu, die Gruppe der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund per se als besonders leistungsschwache Schülergruppen zu bezeichnen. Bezogen auf die Herkunftsgruppen kann zwar festgestellt werden, dass die türkischen und italienischen Kinder am Ende der Skala stehen, aber Spanier und Griechen schneiden eher gut ab und Kroaten weisen sogar bessere Durchschnittswerte auf als die deutschen Schüler.

Also Migrationshintergrund ist nicht gleich Benachteiligung. Auch ein türkischer oder italienischer Migrationshintergrund ist nicht identisch mit Benachteiligung. Man muss das immer im Zusammenhang mit der sozioökonomischen Situation der Familien sehen.

Bildung PLUS: Wie stehen Sie zu Sprachstandserhebungen? Was müsste an den gegenwärtigen Sprachstandserhebungen verbessert werden?

Karakaşoğlu: Derzeit gibt es kein allgemein anerkanntes, fest etabliertes Programm der Sprachstandsmessungen im Elementar- und Primarbereich, sondern lediglich zahlreiche Modellprojekte. Im Elementarbereich sind Sprachstandsmessungen ein besonders schwieriges Unterfangen, bei dem auch immer die Kenntnisse in der Herkunfts- oder Familiensprache gemessen werden sollten, was selten geschieht. Dabei muss man für die Altersgruppe angemessene Verfahren anwenden, die nicht verschult sind.

Es darf nicht sein, dass die Kinder, die den Maßstäben von Sprachstandsmessungen nicht genügen, lange zurückgestellt werden. Es ist allgemein bekannt, dass eine längere Schulkarriere nicht zu besseren Abschlüssen führt. Denn das, was am Anfang verloren geht, wird nicht mehr richtig aufgeholt. Es müsste ein Programm an den Grundschulen geben, diesen Schülerinnen und Schülern angemessene Fördermöglichkeiten zu geben. Sprachstandsmessungen müssen bessere Fördermöglichkeiten in den Schulen verankern.

Bildung PLUS: Wie beurteilen Sie die neuesten Auswertungen der PISA-Ergebnisse?

Karakaşoğlu: Ich finde es unerträglich, wie derzeit die neuen Ergebnisse der PISA-Studie auf dem Rücken der Kinder mit Migrationshintergrund ausgeschlachtet werden. Ich finde die Diskussion äußerst unsachgemäß, wenn immer von "Ausländerkindern" die Rede und in dem Zusammenhang mit dem Begriff "Problem" operiert wird. Kinder mit Migrationshintergrund werden im Grunde als ein Fremdkörper dargestellt, ohne die das System besser da stünde.

Zur Anlage der PISA-Studie 1 bis 11: In der Presse wird davon gesprochen, dass die Klassen mit 20 Prozent Ausländeranteil negative Lernergebnisse erzielen. Diese Aussage kann überhaupt nicht getroffen werden, da bei dieser Studie überhaupt keine Daten zu Klassenstärke erhoben wurden. Es wurden ca. 30 bis 40 Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Klassen befragt und über die Klassenzusammensetzung in den Schulen ist überhaupt nichts bekannt. In der Presse wurde etwas hochgerechnet, was diese Art Ergebnis überhaupt nicht rechtfertigen kann. Diese Studien müssen vorsichtiger interpretiert werden, als das gegenwärtig geschieht.

Bildung PLUS: Was wünschen Sie sich von den Bildungspolitikern?

Karakaşoğlu: Ich wünsche mir, dass Migrantinnen und Migranten als genuiner, ja selbstverständlicher Bestandteil dieser Gesellschaft betrachtet werden. Und für die Bildungspolitik wünsche ich mir, dass sie ein Instrument zur Gestaltung der Einwanderungsgesellschaft sein sollte - ein aktives Instrument, kein reaktives.


Yasemin Karakaşoğlu, 37, hält die Balance zwischen Wissenschaft und Praxis: Auf der Ebene der Landes- und Bundespolitik berät sie Bildungspolitiker zum "Dialog mit dem Islam" und der Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen aus Migrantenfamilien. Sie setzt sich ein für den Dialog der deutsch-türkischen Jugend als Mitglied der Jury bei der Körber-Stiftung. Parallel arbeitet sie an einer Habilitation zum Thema: "Lebenslagen und Orientierungen von Mädchen und jungen Frauen aus Zuwandererfamilien unter besonderer Berücksichtigung der Bildungskarrieren und religiösen Orientierungen".
Sie ist darüber hinaus Expertin des Bildungssystems in der Türkei.

 

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 24.03.2003
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