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12. 03. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Ringen um gezielte Sprachförderung

Kinder mit Migrationshintergrund stärken - in der Erstsprache und der Zweitsprache

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Plenum - Debatte über Sprachförderung

Sprachstandserhebung auf dem Prüfstand
In Forum I kracht es: Gegen 14 Uhr schreckt ein ohrenbetäubender Knall die Teilnehmer der Arbeitsgruppe "Sprachstandserhebungen - Pro und Kontra" auf. Der Hausmeister des Pestalozzi-Fröbel-Hauses hatte versehentlich die Lautsprecher bis zum Anschlag aufgedreht. Ausnahmslos alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zucken zusammen. Auch in der Debatte um die richtige Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund sind "die Fetzen geflogen". Stefan Jeuk, Wissenschaftler an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und Moderator der erwähnten Arbeitsgruppe, sieht beim Ringen um gezielte Sprachförderung durch Sprachstandserhebungen "Diskrepanzen zwischen Schulverwaltung und Praktikern einerseits und Schulverwaltung und Wissenschaftlern andererseits". Einig sind sich die Beteiligten allerdings darin, dass Sprachdiagnostik durch Spracherhebungsverfahren wie "Bärenstark" nicht der Auslese, sondern der Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund dienen solle.

Wahrnehmung: Mangelhaft
Deutschland gelingt es weniger gut als anderen Ländern, Kinder mit Migrationshintergrund zu fördern. Denn viele Kinder in Deutschland - Migrantenkinder aber auch deutsche Kinder - besitzen nicht den Schlüssel, um in Schule und Gesellschaft erfolgreich bestehen zu können: Sprachkompetenz in der Erstsprache und der Zweitsprache. Dieser Mangel zeigt sich bereits im Kindergarten und in der Grundschule.
Und PISA belegt nur, was viele Erzieherinnen, Lehrkräfte sowie Migrantinnen und Migranten lange schon am eigenen Leib spüren. Nach Wolfgang Richter, Ausländerbeauftragter der Stadtverwaltung Rostock, handelt es sich um einen akuten Mangel in der Wahrnehmung: "Die Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund muss von unserem Kultusministerium überhaupt wahrgenommen werden. Denn erst, wenn es auf dieser Ebene als Problem wahrgenommen wird, kann ich von der Ebene des Landes her Geld bereitstellen, Konzepte entwickeln, Lehrer und Erzieher für die Aufgabe fit machen."

"Heimlich will man sie nicht wirklich"
Auch in diesen Tagen verbreiten viele Medien die fadenscheinige Nachricht, es läge an der Anwesenheit von Migrantinnen und Migranten, dass Deutschlands Schülerinnen und Schüler nicht in der ersten Liga der Bildungsnationen mitspielen. Immerhin ist dies ein Indiz dafür, dass die Problematik der Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund mehr in das Licht der Öffentlichkeit gerückt ist. De facto ist Deutschland schon lange eine Einwanderungsgesellschaft. Nur hat man sich nicht darauf eingelassen. Die Tagung "Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund im Elementar- und Primarbereich" "trifft ins Schwarze", sagt Marieluise Beck, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Migrantinnen und Migranten fühlen sich nicht hereingenommen in die Gesellschaft: "Heimlich will man sie nicht wirklich," sagte Beck auf der Tagung im Pestalozzi-Fröbel Haus. In den Behörden, den Kindergärten und in der Gesellschaft machen viele Migrantinnen und Migranten eine "unbewusste Zurückweisungserfahrung". Diese Erfahrung ist ein psychologisches Hindernis auf dem Weg zum Erwerb der deutschen Sprache.

Stimmen und Stimmungen auf der Tagung
Wie das Problem der Förderung von Migrantinnen und Migranten wahrgenommen wurde, zeigt ein Streiflicht auf die Meinungen von Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung:


Safak Scheffler, Jugendamt der Landeshauptstadt Kiel, zuständig für Interkulturelle Pädagogik:
"Nach der Tagung habe ich ein Bild davon bekommen, was in den anderen Bundesländern passiert. Das Wichtigste im Vorschulbereich ist die Zusammenarbeit mit den Eltern, die müssen unbedingt ins Boot. Die Kinder müssen rechtzeitig in den Kindergarten kommen. Im Kindergarten brauchen sie ein besseres Bildungsangebot. Die Pädagogen brauchen mehr Unterstützung in interkulturelle Kompetenzen. Viele Erzieherinnen stehen nach dem Examen vor mehrsprachigen Gruppen, manchmal mit bis zu 25 verschiedenen Nationalitäten, fast ohne in ihrer Ausbildung ein Wort dazu gehört zu haben."

Wolfgang Richter, Ausländerbeauftragter der Stadtverwaltung Rostock:
"Dieses Thema ist eins der ganz wichtigen. Auch bei uns in der Stadt Rostock. Zu sehen wie Migrantenkinder im Kindergarten, in der Grundschule, in der Schule so gefördert werden können, dass sie die Schulabschlüsse erreichen, die in diesen Stufen nötig sind. Ich habe mir Impulse erhofft, Ideen, Modelle und Projekte, so dass die Aktivitäten, die wir in unserer Stadt entfalten, besser, zielgerichteter und erfolgreicher umgesetzt werden können."

Prof. Dr. Ingrid Gogolin, Universität Hamburg:
"Die Anregungen, die man bekommt, betreffen die Frage, dass an vielen Stellen vieles entwickelt wird und wir daraus gelernt haben, dass man sich viel mehr zusammentun müsste und gemeinsam weiterentwickeln müsste. Im Moment wissen viele nicht, was an anderen Stellen entwickelt wird. Von daher kann man von der Tagung nur profitieren."

Ulrike Grassau, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport Berlin:
"Ich habe gehofft, dass ich aus den Bundesländern, die hier vertreten sind und von den Personen, Anregungen bekomme für alle die Maßnahmen, die wir in Berlin entwickeln.
Wir haben ein Umsetzungsdefizit: Wir können testen und fördern so viel wir wollen, wenn wir es nicht schaffen, die Ressourcen, also Unterrichtstunden, einzusetzen, die wir an den Schulen haben, kommen wir nicht weiter. Das betrifft nicht nur Berlin, sondern viele andere Bundesländer."

Dr. Andreas Pochert, Koordinator der Sprachstandserhebungen in Berlin - "Bärenstark":
"Ich habe erwartet, dass die Debatte über Sinn und Zweck von Sprachstandserhebungen sehr kontrovers sein wird. Und dies trifft auch zu. Es gibt sehr unterschiedliche Ansätze von Bundesland zu Bundesland. Es sieht im Moment so aus, als gäbe es da keine Einigung. Es ist in unserem Interesse, dass es bundesweite Richtlinien gibt für das Thema Sprachstandserhebung und Sprachförderung."

Dr. des. Stefan Jeuk, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg/Reutlingen:
"Ich sehe einen Widerspruch zwischen Anforderungen der Schulverwaltung und der Pädagogik. Die Schulverwaltung will herausfinden, welche Ressourcen sie einsetzen muss. Von Seiten der ErzieherInnnen wird eher eine Förderdiagnostik gewünscht. Diesen Widerspruch halte ich im Moment für ziemlich schwer auflösbar. Aus Sicht der Pädagogik erscheint mir, dass Erzieherinnen auch ohne die Untersuchung sagen könnten, welche Kinder gefördert werden sollten. Ich denke Erzieherinnen haben einen guten Blick dafür."


Weitere Berichterstattung folgt in den nächsten Tagen.

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Teilnehmerliste

Programm

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 12.03.2003
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