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10. 03. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Karin Wolff: Leistung und Anstrengung können auch Freude machen

Wie die neue KMK-Präsidentin die Leistung von Schülerinnen und Schülern nachhaltig verbessern will

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Karin Wolff

Bildung PLUS: Gemeinsam mit Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn haben Sie am 18.2.2003 die Expertise "Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards" vorgestellt. Spricht diese wiederentdeckte Gemeinsamkeit für mehr Tempo bei der Bildungsreform?

Wolff: Tempo war schon vorher da. Die Expertise "Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards" bietet die Möglichkeit, dass sich die Theorie unmittelbar an der Praxis bewährt. Die Kultusministerkonferenz hatte bereits im Herbst 2002 Fachkommissionen mit der Erarbeitung von Standards beauftragt und diese gebeten, bis zum Sommer 2003 erste Entwürfe vorzulegen. Hierbei konnte auf ausgereifte Vorarbeiten in den Ländern zurückgegriffen werden. Die Expertise wird aus meiner Sicht einen wesentlichen Beitrag zur Qualität dieser Standards leisten, das Tempo hatte die Kultusministerkonferenz wie gesagt allerdings bereits unmittelbar nach der Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse im Dezember 2001 vorgegeben.
 
Bildung PLUS: Sie haben mal gesagt: "Berliner Einheitsbrei will niemand, aber auch Zeiten der Bildungsschonkost sind Gott sei Dank vorbei." Was bedeutet das in Hinsicht auf nationale Bildungsstandards?

Wolff: Bildungsstandards sind ein wesentlicher Beitrag zu einer für alle verbindlichen und transparenten Zielklärung. Sie fokussieren auf zentrale, langfristig aufzubauende Lernergebnisse. Nur wer Ergebnisse sichert, weiß auch, wo der Hebel zu weiterer Qualitätsverbesserung anzusetzen ist. Damit bilden die Standards einen Referenzrahmen sowohl für Lehrkräfte als auch für Schülerinnen und Schüler, Eltern und alle an Bildung Beteiligten und Interessierten. Sie können dazu beitragen, dass Bildung wieder einen anderen Stellenwert in unserer Gesellschaft erlangt, weil klar ausgedrückt ist, welche Lernergebnisse zu welchem Zeitpunkt erwartet werden. Für die Lehrkräfte eröffnen Bildungsstandards zum einen die Möglichkeit, die Leistungen der Schülerinnen und Schüler zu verorten, zum anderen aber gleichzeitig deutlich mehr Freiraum für schulinterne Planungen, die die speziellen Gegebenheiten in der Einzelschule berücksichtigen. Insofern wird der Lehrerberuf anspruchsvoller und interessanter.

Bildung PLUS: Seit Januar 2003 sind Sie Präsidentin der KMK. Welche Themen wollen Sie während Ihrer KMK-Präsidentschaft in den Vordergrund rücken?

Wolff: Ich will die berechtigte Qualitätssorge in der Schul- und Bildungspolitik dem Ziel einer nachhaltigen Verbesserung von Lehren und Lernen näher bringen. Die Arbeit in diesem Jahr wird weiterhin ganz wesentlich von den internationalen Vergleichsuntersuchungen an Schulen geprägt sein. Die von der Kultusministerkonferenz nach PISA 2000 eingeleiteten Maßnahmen, z.B. die frühe Förderung und die Entwicklung von Standards, bleiben wichtige Projekte. Dazu zählt auch die Weiterentwicklung der Aus- und Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer. Weitere Auswertungen der bei PISA 2000 und PISA 2000-E erhobenen Daten und die Ergebnisse der internationalen Grundschuluntersuchung PIRLS/IGLU werden uns wichtige Anhaltspunkte für die Entwicklung der Qualität von Schule in Deutschland liefern. Daneben werden wir uns mit verschiedenen Themen aus Hochschule und Kultur befassen, z.B. dem Hochschulzugang.

Bildung PLUS: In Ihrer Antrittsrede zur Übernahme der KMK-Präsidentschaft heißt es: "Wettbewerb fördere Qualität". Der Maßstab für Qualität sind Bildungsstandards. Wie wollen Sie Wettbewerb zwischen den Ländern und Bildungsstandards unter einen Hut bringen?

Wolff: Bildungsstandards dienen als Zielmarken. Sie definieren nicht, auf welchem Weg diese Zielmarken erreicht werden. Die Länder, aber auch die Schulen, haben damit mehr Freiheit bei der Gestaltung der Lernprozesse. Sie erhalten Raum für den Wettbewerb um die besten Ideen. Bei den Ergebnissen wird es jedoch keine Beliebigkeit geben: Die Einhaltung der Bildungsstandards soll künftig eine unabhängige wissenschaftliche Einrichtung gewährleisten.

Bildung PLUS: Haben Stadtstaaten wie Bremen oder Hamburg dieselben Chancen wie Thüringen, Baden-Württemberg oder Hessen?

Wolff: Die Ergebnisse des Ländervergleichs haben deutlich gemacht, dass wir hier vor besonderen Herausforderungen stehen. Allerdings ist auch deutlich geworden, dass die Leistungsfähigkeit von Schulen nicht nur von der Professionalität, dem Verantwortungsbewusstsein der Lehrenden abhängt, sondern auch von gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen, für deren Gestaltung sowohl die Länder, aber auch - was den finanziellen Spielraum der Länder angeht - der Bund Sorge tragen müssen. Bei der Beurteilung der Ergebnisse müssen deswegen immer auch diese Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. An einer größeren Chancengerechtigkeit werden wir allerdings arbeiten müssen. Auch hierzu bieten Standards und Schulleistungsvergleiche ein gutes Referenzsystem. Um hier Hinweise zu Verbesserung der Chancengerechtigkeit gewinnen zu können, ist es besonders interessant, sich Schulen, die wider Erwarten gut oder wider Erwarten schlecht abgeschnitten haben, genauer anzugucken. Die Kultusministerkonferenz hat im Nachgang zu PISA unter anderem thematische Berichte in Auftrag gegeben, die die herkunftsbedingten Disparitäten im Bildungswesen genauer beleuchten werden.

Bildung PLUS: Acht Länder, darunter Bayern, Hessen Thüringen und Hamburg, haben sich auf gemeinsame Bildungsstandards geeinigt. Das hessische Kultusministerium bezeichnet die konzertierte Aktion als "Meilenstein in der föderativen Bildungspolitik". Wie stehen Sie als KMK-Präsidentin zu dieser Polyphonie von Bildungsstandards? Hat die im Februar 2003 vorgelegte Expertise daran etwas geändert?

Wolff: Die Polyphonie kann ich so nicht erkennen. Die Kultusministerkonferenz hat von Anfang an vorgesehen, dass die Vorarbeiten der Länder in die Erarbeitung von länderübergreifenden Bildungsstandards einfließen sollen. Aus den bisher vorhandenen unterschiedlichen Startbedingungen entwickelt sich somit gegenwärtig ein Einklang. Die Expertise von Prof. Dr. Klieme hat uns bescheinigt, dass wir dabei auf dem richtigen Weg sind, auch wenn es noch einige Etappen zu bewältigen gibt. Die Expertise macht ja auch deutlich, dass die Entwicklung, Einführung und Überprüfung von Bildungsstandards einen aufwändigen Prozess darstellen.

Bildung PLUS: Im Frühjahr 2003 stehen internationale Vergleichstudien im Brennpunkt, die die Arbeit an Grundschulen unter die Lupe nehmen - IGLU, PIRLS. Steht uns ein zweites PISA-Debakel für Grundschüler ins Haus?

Wolff: Eine Stellungnahme zu den Ergebnissen von PIRLS/IGLU erfolgt, nachdem diese am 08.04.2003 vorgestellt worden sind. An Spekulationen im Vorfeld will ich mich nicht beteiligen.

Bildung PLUS: Welchen Stellenwert hat die Förderung von Migrantenkindern im Rahmen Ihrer Arbeit als KMK-Präsidentin?

Wolff: Die Förderung insbesondere von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gehört zu den Handlungsfeldern, auf die sich die Kultusministerkonferenz unmittelbar nach Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse im Dezember 2001 verständigt hat. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Verbesserung der Sprachkenntnisse auch schon im vorschulischen Bereich. Mit der Einführung von Sprachstandsfeststellungen, zusätzlichen Förderangeboten und der entsprechenden Qualifizierung der Erzieherinnen und Erzieher schaffen die Länder hierzu grundlegende Voraussetzungen.

Bildung PLUS: Mit Ihrem Motto "Leistung und Anstrengung" wird der Druck auf alle Schülerinnen und Schüler faktisch erhöht. Die Geltung des Leistungsprinzips trage sogar dazu bei, die soziale Selektivität abzubauen, sagen Sie in Ihrer Antritterklärung. Wie verträgt sich Druck mit der Integration von Migrantinnen und Migranten? 

Wolff: Die Wertschätzung des Lernens und die Verantwortlichkeit für den Bildungsprozess müssen wieder deutlicher ins Bewusstsein gehoben werden Leistung und Anstrengung können auch Freude machen, etwas - wenn auch vielleicht mit Mühe - geschafft zu haben, kann den Einzelnen glücklich machen. Wenn dies einhergeht mit entsprechenden Fördermaßnahmen, mit dem gemeinsamen Interesse von Lernenden und Lehrenden an Lernfortschritten muss damit keinesfalls eine Erhöhung des Druckes einhergehen. PISA-E hat im übrigen deutlich gemacht, dass in den Länden, die in Deutschland die Spitzengruppe bilden, Schüler mit Migrationshintergrund die besten Leistungen im Vergleich zu den anderen Ländern zeigen.

Bildung PLUS: Pflichtkurse für Migrantinnen und Migranten sind ein Weg, um Sprachkenntnisse zu verbessern. Reicht das aus, um Migrantinnen und Migranten schulisch zu integrieren?

Wolff: Die PISA-Studie hat gezeigt, dass die Beherrschung der deutschen Sprache ganz wesentliche Bedeutung für die schulischen Leistungen der Migrantinnen und Migranten in allen Fächern hat. Dennoch belassen wir es nicht bei der Sprachförderung der Schülerinnen und Schüler. Einige Länder stellen beispielsweise mehr Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund ein. Daneben wird in vielen Ländern geprüft, wie ein islamischer Religionsunterricht oder ein Ethikunterricht mit islamischem Schwerpunkt an der Schule verankert werden kann. Und auch der Ausbau von Ganztagsangeboten bietet die Möglichkeit der zusätzlichen Förderung der Migranten. Schließlich dienen auch die intensivierte Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe und eine Vielzahl von berufsorientierenden Maßnahmen speziell der Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Welche Maßnahmen im Einzelnen notwendig sind, hängt von den Gegebenheiten in den Ländern und in gewissem Maß von der ethnischen Herkunft der Schülerinnen und Schüler ab, auch darauf deutet PISA hin.

Bildung PLUS: Für Eltern von jungen Migrantinnen und Migranten bieten Sie beispielsweise Alphabetisierungskurse an. Doch welches sind die Eckpfeiler für Ihr Konzept von Elternarbeit bei Migrantinnen und Migranten?

Wolff: Wichtig ist mir, diese Eltern insgesamt stärker in den Bildungsprozess ihrer Kinder einzubeziehen und das schon vor der Grundschule. Muttersprachliche Informationen über das deutsche Schulsystem und die Ermutigung zur Nutzung der Sprachförderungsmöglichkeiten für ihre Kinder können hier bereits viel leisten. Viele ausländische Eltern kennen ja ganz einfach keine deutsche Schule aus der eigenen Erfahrung.

Bildung PLUS: Wie werden Lehrerinnen und Lehrer auf die spezifischen Aufgaben in der Migranten-Förderung vorbereitet?

Wolff: Zum einen gewinnt die Aus- und Weiterbildung in Deutsch als Fremd- bzw. Zweitsprache an Bedeutung. Daneben stärken Fortbildungsangebote die Kompetenzen der Lehrerinnen und Lehrer in interkultureller Bildung und Erziehung.

Bildung PLUS: Unseren Informationen nach plant die KMK seit vergangenem Jahr eine Kampagne, um das Image von Lehrerinnen und Lehrern zu verbessern.
Wann werden die ersten Plakate und Anzeigen zu sehen sein? 

Wolff: Geplant ist, dass die Kampagne im Laufe diesen Jahres beginnt. Wir wollen aber mehr als nur Plakate und Anzeigen produzieren. Es geht uns um eine breit angelegte Kommunikationskampagne.


Karin Wolff, 44, Präsidentin der KMK seit Januar 2003, macht sich Sorgen um die Qualität in der Schul- und Bildungspolitik. In diesem Jahr wird der Schwerpunkt ihrer Arbeit von den Ergebnissen der internationalen Vergleichsstudien diktiert: PISA, PIRLS und IGLU. Als Silberstreif am Horizont deutscher Schulen sieht Wolff die nationalen Bildungsstandards und vorschulische intensive Förderung von Kindern von Migrationshintergrund. Die hessische Kultusministerin ist stellvertretende Landesvorsitzende der CDU und hat von 1986 bis 1995 als Lehrerin für Geschichte und Theologie an der Edith-Stein-Schule in Darmstadt gearbeitet.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 10.03.2003
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