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06. 03. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Bildung in Deutschland ist keine ethnische, sondern eine soziale Problematik“

Sprachdefizite bei Kindern vor ihrer Einschulung

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Marieluise Beck

Bildung PLUS: Die Berliner Sprachstandserhebung "Bärenstark" hat es an den Tag gebracht: 66 % der Kinder, darunter ein Großteil der Migranten, haben unmittelbar vor ihrer Einschulung einen teilweise erheblichen Förderbedarf in der deutschen Sprache. Wie lässt sich das Sprachproblem lösen?

Beck: PISA hat uns deutlich gezeigt, dass wir im internationalen Vergleich viel zu spät mit unseren Bildungsanstrengungen beginnen. PISA weist aber auch darauf hin, dass Bildung in Deutschland keine ethnische, sondern eine soziale Problematik ist. Gerade hier sind die schulischen Leistungen der Kinder so eng wie in keinem anderen Land mit der sozialen Herkunft gekoppelt. Daher muss die Förderung und Bildung - insbesondere die Deutschsprachförderung für Kinder aus sozial schwachen Familien und aus Zuwandererfamilien früher erfolgen. Das bedeutet, weit vor der Einschulung ist eine Förderung der deutschen Sprache, die Erweiterung des Wortschatzes, die Einübung der Grammatik und der Umgang mit Büchern auf kindgerechte Weise notwendiger Bestandteil der vorschulischen Erziehung.

Bildung PLUS: Wie wichtig sind Sprachstandserhebungen bei der Förderung von Migrantenkindern?

Beck: In vielen Bundesländern gibt es Überlegungen, die tatsächliche Deutschsprachkompetenz von Kindern vor Beginn der Schulpflicht zu erfassen. Schon die Ergebnisse der Sprachstandserhebung "Bärenstark" in Berlin zeigen deutlich, dass dabei nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund einzubeziehen sind, sondern ebenfalls auch deutsche Kinder, d.h. Kinder mit deutscher Muttersprache. Dabei müssen die Erhebungen auch Mehrsprachigkeit berücksichtigen. Es ist wichtig zu wissen, über welche durchschnittliche Sprachkompetenz Kinder in Deutschland verfügen, denn nur so können sie adäquat gefördert werden.

Bildung PLUS: Sprachstandserhebungen sollen fördern, anstatt selektieren. Was bedeutet das?

Beck: Ergebnisse von Sprachstandserhebungen müssen die Grundlage vorschulischer und schulischer Förder- und Lernangebote bilden und dürfen nicht bloß dazu dienen, die Einschulung zurückzustellen. Bisherige Untersuchungen belegen, dass viele Kinder - nicht nur diejenigen mit Migrationshintergrund - nicht über die für die Einschulung notwendige Deutschsprachkompetenz verfügen. Das bedeutet, Deutschland braucht ein frühkindliches Bildungssystem. Im Vergleich zu anderen Ländern beginnt hier der systematische, aber auch spielerische Lernprozess für Kinder ca. ein bis zwei Jahre später. Während anderswo das Einschulungsalter bei vier bis fünf Jahren liegt, werden die Kinder in Deutschland zwischen sechs und sieben Jahren eingeschult. Kindergärten verstehen sich nur zu häufig als bildungsfreie Zone, in der vorrangig gespielt, aber nicht systematisch gelernt werden soll. Dies führt zu einer kulturellen und intellektuellen Unterernährung unserer Kinder.

Bildung PLUS: Sie wollen keine Rückstellungen mehr von der Einschulung, sondern eine flexible Schuleingangsphase.  Ist die Grundschule damit nicht überfordert? Welche Unterstützungssysteme sind notwendig?

Beck: Für viele sozial benachteiligte Kinder und für viele Kinder mit Migrationshintergrund müssen verstärkt pädagogischer Konzepte angewandt werden, die individuell, auf die Fähigkeit und Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes abgestimmt sind. Individuelle Förderung braucht differenzierte Lernangebote, insbesondere beim Erwerb der deutschen Sprache wie auch im Bereich der Erziehung zur Mehrsprachigkeit. Trotz gezielter vorschulischer Förderung deutscher und ausländischer Kinder werden sicherlich nicht alle Kinder das notwendige Sprachniveau zum Zeitpunkt der Einschulung erreichen. Sie zurückzustellen wäre der falsche Weg. Eine besseren Abstimmung der Bildungs- und Erziehungsinhalte des Elementar- und Primarbereichs, flexiblere Übergänge des Lernens bis hin zur Aufhebung starrer Klassenstufen zu Beginn der Schulbildung sollten diskutiert und erprobt werden.

Bildung PLUS: Was halten Sie von den Vorschlägen Hessens und Niedersachsens, die Einschulung von einem Deutsch-Test abhängig zu machen oder eine Ausländerquote einzuführen?

Beck: Sprachstandserhebungen dürfen nicht der Selektion, sondern der Förderung der Kinder dienen. Eine Zurückstellung der Kinder bei nicht ausreichendem Sprachniveau ist der falsche Weg. Der Vorstoß Hessens, Kinder nur dann einzuschulen, wenn sie ausreichend Deutsch sprechen, kann nicht gestützt werden. Sollen Testergebnisse allerdings dem Ziel der Sprachförderung dienen, müssen die Erhebungen rechtzeitig vor der Einschulung durchgeführt werden, um noch Zeit für die entsprechende Förderung der deutschen Sprache vor Beginn der Schulpflicht zu haben.
Die alte Diskussion, eine bestimmte Migrantenquote, z.B. durch Bussing, zu erreichen, scheint mir wenig praktikabel, solange die Schulen in Brennpunktgebieten nicht aufgrund ihrer spezifischen Attraktivität Schüler anderer Stadtteile anziehen. Um die Attraktivität zu steigern, ist aber eine bessere Ausstattung dieser Schulen notwendig. Für Schulklassen mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Kindern mit Sprach- und Sozialisationsschwierigkeiten macht es Sinn, doppelt so viele Lehrerstunden zu berechnen. So lässt sich eher eine bedarfsgerechte innere und äußere Differenzierung in den Klassen herstellen, lassen sich besondere Begabungen ebenso fördern wie eventuelle Schwächen der Kinder abbauen.

Bildung PLUS: Kindertagesstätten sollen keine bildungsfreien Zonen mehr sein. Was können diese bis zur Einschulung leisten? Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit den Eltern?

Beck: Kindergärten sollten sich als Bildungseinrichtungen und nicht als bloße Betreuungsanstalten verstehen.  Spielerisches Lernen und lernendes Spielen müssen Bestandteil eines systematischen vorschulischen Curriculums seins. Teil dieses Lernens ist auch die sprachliche Förderung im Zusammenhang mit mehrsprachigen Kindergarten-Lern-Gruppen. Ganztägige Kindergärten müssen Lern- und Lebensorte für Kinder werden, in denen sie nach ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen intellektuell und sprachlich gefördert werden. In allen diesen Prozessen ist die Zusammenarbeit mit den Eltern von besonderer Bedeutung. Neben der Beratung der Mütter und Väter, gilt es hier vor allem, den Aufbau interkultureller Elterngruppen und ihren Einbezug in die vorschulische Bildung und Erziehung zu fördern.

Bildung PLUS: Seit einigen Jahren ist die Rede von der Ghettoisierung: In vielen türkischen Familien sprechen teilweise die Eltern kaum deutsch, Fernsehen gibt es nur auf Türkisch und in bestimmten Wohngegenden kommt ein Kind auch ohne ein Wort Deutsch aus. Müssen nicht die Eltern oder Ausländervertretungen mehr in die Pflicht genommen werden?

Beck: Ein Leben in Deutschland erfordert größtmögliche Kenntnisse der deutschen Sprache. Festzustellen ist allerdings, dass die Herkunftssprachen von Migrantinnen und Migranten lebendig bleiben, d.h. in der Familie gesprochen werden. Stellt sich die Gesellschaft auf Mehrsprachigkeit ein, wird eine frühe Förderung der deutschen Sprache der Kinder schon im vorschulischen Bereich umgesetzt, werden beide Sprache sinnvoll aufeinander abgestimmt, müssen sich dadurch nicht automatisch Lernprobleme in der Schule ergeben. Wichtig ist, dass Kinder frühzeitig mit Sprache umgehen lernen, unabhängig davon mit welcher. Ehe Eltern mit Migrationshintergrund ihren Kindern "falsches" und verkürztes Deutsch in der Familien beibringen, sollte lieber Wert auf einen hohen Stand der Herkunftssprache gelegt werden und in Zusammenarbeit mit den (vor-)schulischen Einrichtungen der Auf- und Ausbau der deutschen Sprache erfolgen.

Bildung PLUS: Wie muss sich die Aus- und Weiterbildung der Erzieherinnen auf die veränderten Bedingungen einstellen?

Beck: Die Förderung aller Kinder entsprechend ihrer Lebenssituation, ihrer kognitiven Fähigkeiten und ihrer spezifischen Bedürfnisse erfordert qualifiziertes Personal. Entscheidende Voraussetzung ist dafür, dass die in Deutschland übliche Erzieherausbildung auf ein international vergleichbares qualitatives Niveau angehoben wird. Das bedeutet eine dringende Professionalisierung in der Erzieherausbildung und eine gemeinsame verstärkte Fort- und Weiterbildung von Erziehern und Lehrern. Ohne Grundkenntnisse frühkindlicher Sprachentwicklung insbesondere bei mehrsprachigen Kindern, Methoden frühkindlicher Sprachförderung sowie Deutsch als Zweitsprache, aber auch ohne Kenntnisse der interkulturellen Pädagogik und der diagnostischen Verfahren ist eine individuelle frühkindliche Förderung in multiethnischen Gruppen nicht möglich. Entscheidend ist die Fähigkeit des Lehr- und Erziehungspersonals mit Differenz in Lerngruppen umgehen zu können und diese Vielfalt für individuelle Förderung zu nutzen. Dies setzt erhebliche Änderungen in der Lehrer- und Erzieheraus- und -fortbildung voraus und betont auch die Notwendigkeit des verstärkten Einsatzes von Fachkräften mit Migrationshintergrund.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 06.03.2003
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