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03. 02. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Nur mit gutem Willen geht es nicht, man muss auch können" - Teil 1

Qualität schulischer Arbeit - nur im Miteinander aller Beteiligten zu haben

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Wilfried Lohre

Bildung PLUS: Der Schulversuch "Selbstständige Schule NRW" hat am 1. August 2002 begonnen. Welche Ziele konnten bis jetzt schon erreicht werden?

Lohre: Wir wollen die Qualität schulischer Arbeit verbessern und insbesondere die des Unterrichts. Das soll im Rahmen einer regionalen Bildungslandschaft passieren. Wir haben damit begonnen, neue Strukturen aufzubauen, denn die vorhandenen Strukturen reichen nicht aus, um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen. Zweitens haben wir einen Plan, wie die notwendige Unterstützung für die Schulen organisiert werden muss. Hilfe und Unterstützung kann man auf zwei Wegen anbieten: Entweder man gibt den Schulen Geld, dann kaufen sie sich das, was sie brauchen, oder man bietet gezielte und hochwertige Qualifizierung an. Die ersten Qualifizierungen für schulische Steuergruppen sind bereits flächendeckend für alle 237 Schulen angelaufen.

Bildung PLUS: Welche Rolle spielt die Bertelsmann Stiftung beim Schulversuch in NRW?

Lohre: Die Bertelsmann Stiftung hat einen Vertrag mit der Landesregierung. Land und Stiftung tragen gemeinsam das Projekt. Die Bertelsmann Stiftung bringt einerseits finanzielle Mittel ein, wobei etwa drei Millionen EUR für die gesamte Laufzeit des Landes eher gering sind, und Know-how aus Erfahrungen mit anderen Projekten.

Wichtige Erfahrungen hat die Bertelsmann Stiftung aus dem Projekt "Schule & Co." mitgenommen.  Die wichtigste: Qualitätsverbesserungen der Schule müssen in erster Linie im Unterricht ansetzen. Die Stiftung bringt ihre Kompetenz im Projektmanagement ein und die Erkenntnis, dass man Schulprojekte nicht in der Linie von oben nach unten verordnen kann. Deshalb ist es besser, wenn man die Projektleitung nach außen gibt und nicht innerhalb des hierarchischen Systems behält. Die Projektleitung muss ständig dafür werben, dass die Partner das tun, was richtig ist. Das geht nur, wenn man außerhalb des Systems steht.

Bildung PLUS: Gibt es Erfahrungen im Ausland, die die Stiftung als Anregung für den Schulversuch genutzt hat?

Lohre: Mit Kanada besteht eine enge Verbindung, weil die Bertelsmann Stiftung 1996 eine regionale Schulbehörde in Kanada als besonders innovativ im Schulwesen ausgezeichnet hat. Diese Region hatte es geschafft, sich von den letzten Plätzen des innerkanadischen Rankings dauerhaft auf vordere Plätze hoch zu arbeiten. Wie haben sie das geschafft? Sie haben erstens konsequent den Gedanken der Regionalisierung verfolgt und zweitens die Lehrerinnen und Lehrer qualifiziert, damit der Unterricht verbessert und weiter entwickelt werden konnte. Aus Kanada wird sehr viel Know-how transferiert - es nimmt bei allen internationalen Leistungsvergleichsstudien regelmäßig die vorderen Plätze ein.

Bildung PLUS: "Selbstständige Schulen" sollen mit anderen Einrichtungen zu "regionalen Bildungslandschaften" zusammenwachsen. Was versteht man darunter?

Lohre: Ausgangspunkt ist die alltägliche Praxis an Schulen: Lehrer agieren einzeln, Eltern und Schüler - sie alle handeln oft als Einzelkämpfer. In der Schule muss es mehr Kooperation auf der Basis verbindlicher Vereinbarungen geben.

Genauso ist es mit der Region. Wenn man mal die Perspektive eines Schülers einnimmt, dann geht er zuerst in den Kindergarten, dann in eine Grundschule, dann in eine weiterführende Schule und vielleicht auch mal, wenn er sich für eine Berufsausbildung entscheidet, in ein Berufskolleg. Das sind drei oder vier Schulen, die normalerweise innerhalb der Region liegen.

Das heißt, wir müssen erstens dafür sorgen, dass es innerhalb der Schule ein Miteinander gibt. Zweitens, dass zwischen den Schulen ein Miteinander aufgebaut wird, damit Schule und Ausbildung für den Schüler vom Kindergarten bis zum Ausbildung oder zum Abitur systematisch aufeinander aufbauen. Drittens müssen wir die anderen Akteure ins Boot holen: Jugendhilfe, Betriebe als Bildungseinrichtungen, Sportvereine, Musikschulen, alles Mögliche. Die alle zusammen zu holen, damit sie zum Wohle der Schüler kooperieren, das meint "regionale Bildungslandschaft". Die Schule spielt in dem ganzen Feld eine besondere Rolle, weil sie die einzige Institution ist, in die Schüler gehen müssen und weil die Schule eine besondere Verantwortung hat. Alles andere sind freiwillige Veranstaltungen. Nur hier kann man alle Schüler erreichen.

Also haben wir ein Drei-Schicht-Modell: Erst die einzelne Schule, dann alle Schulen in der Region - das wäre eine regionale Schullandschaft -, und schließlich die außerschulischen Einrichtungen. Das ist dann die regionale Bildungslandschaft. Dem Gedanken der regionalen Bildungslandschaften wird auf der Steuerungsebene auch dadurch Rechnung getragen, dass in allen Modellregionen so genannte regionale Steuergruppen eingerichtet wurden, die das Projekt vor Ort steuern. Sie bauen eine neuartige regionale Beratungs- und Unterstützungsstruktur für die Schulen auf. Das Besondere an den regionalen Steuergruppen: erstmals sitzen Vertreter von Schulträgern, Schulaufsicht und Schulen an einem Tisch und übernehmen gemeinsam Verantwortung für die Entwicklung ihrer Region.

Bildung PLUS: Kritiker sagen, die "selbstständigen Schulen" in NRW wären durch zuviel Freiraum überfordert. Wie kann man Schulen konkret helfen, die überfordert sind?

Lohre: Die Gefahr besteht. Überforderung kann aus zwei Richtungen kommen: Entweder ein Projekt überfordert die Schulen von außen oder die Schulen überfordern sich selbst. Deswegen gibt es bei uns einen wichtigen Qualifizierungsstrang: Die Schulen zu befähigen, ihre Arbeit systematisch zu gestalten und sich nicht zu überfordern. Möglich wird dies durch die Vermittlung von Managementtechniken mit dem Ziel, dass Schulen ihren eigenen Weg finden. Schulen müssen befähigt werden, diesen Weg zu finden - professionell. Nur mit gutem Willen geht es nicht, man muss auch können und dieses Können müssen Schulen häufig erst erlernen.

Eine Gefahr wird häufig gesehen: Die Schulen könnten mit zuviel Verwaltungsarbeit überlastet werden. Denn die selbstständigen Schulen können etwa eigenständige Personalentscheidungen treffen. Aber wenn eine selbstständige Schule beispielweise einen Lehrer einstellt, dann muss sie nicht zusätzlich die Verwaltungsarbeit erledigen, für die sie nicht zuständig ist. Denn nach einer Personalentscheidung geben die Schulen den Vorgang an die Schulaufsicht ab. Die Schulaufsicht bearbeitet dann den Arbeitsvertrag, schließlich hat sie die Verwaltungsexperten. Man muss den grundlegenden Unterschied zwischen Entscheiden und Handeln beachten. Kernaufgabe der Schule bleibt die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern. 


Wilfried Lohre, 54, Experte für regionale Bildungslandschaften in der Bertelsmann Stiftung. Er war selbst fast 20 Jahre Lehrer und kennt Schule aus den unterschiedlichsten Perspektiven. In den siebziger Jahren führte er Lehrerfortbildungen durch, wurde anschließend Dezernent in der Bezirksregierung von Köln und hatte schließlich die oberste Schulaufsicht über die Berufschulen in NRW inne. Seine Vision ist eine Gesellschaft, in der Schülerinnen und Schüler "tatsächlich zu selbstbewussten, lernfähigen Menschen in möglichst großer Zahl werden".


Donnerstag, den 6.2.2003, können Sie den 2. Teil lesen:

Hilfe zur Selbststeuerung: Die ersten Fortbildungen für die 237 selbstständigen Schulen im Modellvorhaben NRW sind angelaufen - flächendeckend.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 03.02.2003
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