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23. 01. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Es liegt eben nicht alles nur an der Ganztagsschule"

Die Einheitsschule in Frankreich existiert nur auf dem Papier

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Dr. Christian Alix

Bildung PLUS: Im Französischen existiert kein Wort für Ganztagsschule - von der Vorschule bis zum Gymnasium ist der Ganztagsbetrieb selbstverständlich. Franzosen, die die Diskussion in Deutschland beobachten, müssten sich doch eigentlich sehr
wundern...

Alix: Die Ganztagsschule ist in Frankreich eine Selbstverständlichkeit. Aus der republikanischen Tradition hat die Schule in Frankreich als öffentliche Einrichtung dafür zu sorgen, dass die Kinder in einem festgelegten Zeitraum zuverlässig beaufsichtigt, unterrichtet und erzogen werden. Dieses System ist so selbstverständlich, dass der Versuch, einem Franzosen die deutsche Diskussion um verlässliche Öffnungszeiten zu erklären, hoffnungslos zum Scheitern verurteilt ist.

Bildung PLUS: In Deutschland wird gern polemisiert - Ganztagsschule als Aufbewahrungsanstalt versus pädagogische Förderung. Verstehen Sie diese Diskussion?

Alix: Die Diskussion in Deutschland wird ja von verschiedenen Gruppen mit unterschiedlichen Motiven geführt: Die Eltern erwarten zum Beispiel neben der Förderung ihrer Kinder verlässliche Öffnungszeiten. Es ist aus meiner Sicht ungerecht, die Beaufsichtigung als solche - dieses Wort hat im Französischen keinen negativen Beigeschmack - einfach als administrative Maßnahme abzutun und ständig pädagogisieren zu wollen. Denn klare Strukturen sind nun mal sehr wichtig, weil auch der Schulbetrieb geregelt sein muss.

Bildung PLUS: Die französische Einheitsschule muss für deutsche Kultusminister der wahre Graus sein: Zentralisiert von den Lehrplänen über Prüfungen bis hin zu den Abschlüssen und Ferienzeiten. Doch Kritiker sagen auch, dass dies ein Mythos sei, einheitlich sei lediglich das Schulgebäude. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu?

Alix: Auf dem Papier ist es als Einheitsschule definiert - was der französische Erziehungsminister sagt, ist verbindlich für alle Schulen in Frankreich. Doch die historische und politische Realität ist sehr viel komplizierter, denn nicht alle Schulen in Frankreich sind gleich. Und nicht alles läuft zum gleichen Zeitpunkt ab, nur weil es einen zentralen Lehrplan gibt. Geographische, demographische und soziale Faktoren bestimmen auch in Frankreich den Schulalltag.

Bildung PLUS: Ist das so genannte Wohnsitzprinzip ein Versuch, die Auflösung der Einheitsschule unter dem sozialen Gesichtspunkt zu verhindern?

Alix: Nun ja. Das Wohnsitzprinzip bedeutet, dass man im Prinzip verpflichtet ist, sein Kind dort zur Schule zu schicken, wo man wohnt. Auch in der Sekundarstufe, nicht nur in der Grundschule. Aber natürlich gibt es auch die Möglichkeit, dieses Prinzip zu umgehen, und die wird auch wahrgenommen.

Bildung PLUS: Wie?

Alix: Eine subtile Strategie ist, dass Eltern der Meinung sind, ihr Kind müsste unbedingt Chinesisch lernen und dieses Fach wird eben nur an einem alten traditionellen Lycée angeboten. Die andere Möglichkeit ist, sein Kind in einer Privatschule anzumelden.

Bildung PLUS: Frankreich ist ebenso wie Deutschland ein Einwandererland. Inwiefern hilft die Ganztagsschule, vor allem die Vorschule école maternelle, soziale Ungleichheiten zu beseitigen?

Alix: Frankreich ist schon lange ein bekennendes Einwandererland. Generell kann man sagen, dass die Vorschule, die école maternelle, sich positiv auswirkt, die sozialen Ungleichheiten aber nicht beseitigt. Die positiven Effekte sind zum Beispiel die geringeren Wiederholungsraten in der Grundschule und der Spracherwerb. Doch nach der Grundschule verfestigen sich die sozialen Ungleichheiten wieder.

Bildung PLUS: Woran liegt das?

Alix: Zum einen an den höheren Anforderungen, aber auch der Familienhintergrund und das Bildungskapital spielen eine große Rolle. Die französische Schule hat leider immer noch eine stark selektierende Funktion. Dieses Manko führt im Bereich des College zu erheblichen Problemen, weil dort die Traditionen gegen große Veränderungen im geographischen und demographischen Sektor stehen.

Bildung PLUS: In Frankreichs Schulsystem wird vieles von dem praktiziert, wovon deutsche Reformer träumen: Ganztagsschule, eine Vorschule mit pädagogischem Ansatz, eine fünfjährige Grundschule mit Fremdsprachenerwerb und in der Sekundarstufe eine Art Gesamtschule mit dem College Unique... Doch in der
PISA-Studie ist Frankreich auch nur Mittelfeld. Woran liegt das?

Alix: Es liegt eben nicht alles nur an der Ganztagsschule. Die Probleme, die in Frankreichs Colleges herrschen sind ein Zeichen dafür, dass sich Frankreichs Schulen sehr stark an einer Bildungselite orientiert. Die Grundschule hat diesen Traditionswechsel positiver verarbeitet. Das lässt sich zum Beispiel an dem Individualisierungsprozess ablesen, in dessen Folge erstens die Eltern eine größere Rolle spielen und zweitens das Kind, nicht der Schüler, im Mittelpunkt steht.

Bildung PLUS: Frankreich wird bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer als Musterland angeführt. Wie familienfreundlich ist die französische Schulpolitik?

Alix: Die hohe Zahl an Doppelverdienern in Frankreich hat mit den niedrigen Einkommen zu tun. Ich muss immer wieder darauf hinweisen, dass in Frankreich mehr Frauen arbeiten, weil ein Einkommen in Frankreich nicht ausreicht, um eine vierköpfige Familie zu ernähren. Das hat also nicht nur mit Emanzipation zu tun, sondern mit nackten ökonomischen Tatsachen. In Deutschland dreht sich bei der Diskussion viel um die Selbstverwirklichung der Frau. Das sind natürlich Einstellungen, die durch die Mittelschicht gefärbt sind. Das ist ein wichtiger Punkt, den man nicht vergessen darf.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 23.01.2003
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