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12. 09. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Das kann das Arbeitsamt gar nicht leisten"

Berufszielberater profitieren von einem mangelnden Orientierungsangebot

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Manfred Reusch

Bildung PLUS: Was fur Menschen kommen zu Ihnen ?

Reusch: Alle diejenigen, die sich über ihre berufliche und damit auch persönliche Zukunft Gedanken machen und eine Entscheidungshilfe brauchen, weil sie nicht weiterkommen. Hauptsächlich sind es Berufstätige, die an einem Wendepunkt in ihrer Karriere stehen. Die Bandbreite reicht dabei von Lehrkräften, Managern bis hin zu Angestellten, Arbeitern und Arbeitslosen.
Meinen Rat suchen aber auch Studenten, die nicht sicher sind, ob sie das richtige Studienfach gewählt haben bzw. Schüler, die nicht wissen, welchen Beruf sie erlernen sollen.

Bildung PLUS: Ihre Beratung ist natürlich nicht kostenlos und trotzdem kommen immer mehr Menschen zu Ihnen. Sehen Sie sich als Konkurrenz zum Arbeitsamt ?

Reusch: Nein. Viele meiner Kunden waren schon beim Arbeitsamt, aber dort gibt es keine Beratung, die als umfassende Orientierung dient - dafür sind die Mitarbeiter nicht ausgebildet. Der Anspruch des Arbeitsamtes ist ja unter anderem sehr verkürzt auf eine zeit- und marktorientierte Vermittlung eines Arbeitslosen ausgerichtet. Meine Beratung geht über den ganzen Tag und ich beschäftige mich nicht nur mit beruflichen Dingen, sondern auch mit dem Mensch, der dahinter steht. Das kann das Arbeitsamt gar nicht leisten.

Bildung PLUS: Brauchen wir mehr individuelle Beratung an den Schnittstellen - am Übergang von der Schule zum Beruf oder Studium?

Reusch: Der Beratungsbedarf ist auf jeden Fall da. Aber nicht nur wegen der Pisa-Studie und der hohen Arbeitslosigkeit. Diese Dinge sind nur Folgeerscheinungen. Die ursachlichen Gründe gehen teilweise viel tiefer. Ein hoher Prozentsatz der Arbeitnehmer - so geht es aus diversen Umfragen hervor - hat innerlich bereits gekündigt. Das muss ja Grunde haben und hat nicht nur mit Dingen wie fehlender Intelligenz zu tun. So fühlen sich viele oft nur noch als anonyme Nummer und haben besonders in Zeiten der Rezession Angst vor dem Stellenabbau. Das lahmt sie und wirkt sich naturlich in allen Bereichen der Wirtschaft aus. Eine individuelle Beratung ist hier sehr wichtig.

Wenn man diese Folgeerscheinungen auf Dauer in den Griff bekommen will, muss man den ersten Schritt vor dem zweiten machen. Man sollte so früh wie moglich ansetzen und das geht nur, wenn man den Focus auf die Kindheit legt. Nur dort konnen die richtigen Weichen fur die berufliche und persönliche Entwicklung gestellt werden. Der Start ins Berufsleben beginnt ja schon damit, dass die jungen Menschen trotz großem Informationsangebot oft gar nicht wissen, was sie machen sollen. Das ist ein deutliches Zeichen, dass in unserem Bildungssystem und in vielen anderen Bereichen einiges nicht mehr stimmt. Die Schule vermittelt zwar viel Allgemeinwissen, aber wenn es um praktische Dinge wie die Berufswahl geht, dann herrscht Funkstille.

Bildung PLUS: Wie oft kommen Menschen zu Ihnen, die definitiv in ihrem Beruf nichts verloren haben?

Reusch: Die meisten Personen, die zu mir kommen, sind leider wirklich falsch in ihrem Beruf. Es kann aber auch sein, dass manche zwar sehr geeignet fur ihre berufliche Tatigkeit sind, aber irgendetwas im beruflichen oder persönlichen Umfeld lasst bei ihnen Zweifel aufkommen, ob sie tatsächlich den richtigen Beruf gewählt haben.

Bildung PLUS: Was machen Sie, wenn Sie herausfinden, dass der Beruf ihres Kunden zwar wie auf den Leib geschnitten ist, aber er oder sie trotzdem unzufrieden ist?

Reusch: Ich kann ihnen naturlich nicht pauschal raten den Beruf zu wechseln, sondern es muss zunachst einmal eine gründliche Bestandsaufnahme erfolgen:
Wie ist das Verhältnis zu Kollegen/innen und dem Chef oder wie sehen die Arbeitsstrukturen aus.
Nach der Bestandsaufnahme entwickle ich gemeinsam mit dem Kunden Strategien, wie die Situation verbessert werden kann - im Extremfall lege ich ihm nahe, das Unternehmen zu wechseln.

Bildung PLUS: Wie verschaffen Sie sich einen Eindruck von dem Menschen hinter den Daten des Lebenslaufes?

Reusch: Mensch und Beruf kann man nicht trennen. Auf Anfang steht ein ausführliches Gesprach. Dann folgt eine gründliche Bestandsaufnahme des persönlichen und beruflichen Werdegangs, eine Farbwahlanalyse und ein Formentest, sowie die ausführliche Ermittlung der berufsbezogenen Anlagen und Fähigkeiten.
Weiterhin ist eine geistig und philosophische Analyse enthalten, die auf bestimmte Gesetzmäßigkeiten im Leben hinweist und zusatzliche Lebenshilfen gibt.

Bildung PLUS: Haben Sie denn immer Erfolg?

Reusch: Das ware eine vermessene Aussage. Zu einer Beratung gehören immer zwei. Sie kann also nur so gut sein, wie derjenige, der sie macht, und derjenige, der sie in Anspruch nimmt. Auch der Arbeitsmarkt und andere Dinge spielen dabei natürlich eine Rolle. Ich biete jedem Kunden auch später Hilfe und Begleitung an, falls er es wünscht.
Sehr wichtig sind fur mich auch Umfragen. Einige Zeit nach einer Beratung führe ich regelmäßig Kundenumfragen durch. Punkte sind z.B. die Bewertung meiner Beratungstätigkeit, der Analysemethoden, das Preis- und Leistungsverhältnis und berufliche Veränderungen. Durch dieses Feedback, aber auch die persönlichen Kontakte kann ich mein Angebot optimieren und so den Nutzen an meine Kunden weitergeben.

Autor(in): Udo Loffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 12.09.2002
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Die Redaktion des Online-Magazins Bildung + Innovation arbeitet journalistisch frei und unabhängig. Die veröffentlichten Beiträge bilden u. a. auch interessante Einzelmeinungen zum Bildungsgeschehen ab; die darin zum Ausdruck gebrachte Meinung entspricht nicht notwendig der Meinung der Redaktion oder des DIPF.