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10. 12. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Die Schule des 21.Jahrhunderts

Florian Langenscheidts Traum von der Schule der Zukunft

Bild

Dr. Florian Langenscheidt

Unser größtes Kapital

Was ist das größte Kapital unseres Landes?

Die Menschen. Was macht sie zu solch großem Kapital? Charakter und Persönlichkeit, gereift durch gute Erziehung und Ausbildung. So weit sind wir uns einig, oder?

Wetten, dass wir als Eltern, Unternehmer, Professoren, Führungskräfte oder Politiker auch Einigkeit darüber erzielen würden, wie eine Schule auszusehen hätte, die unsere Kinder als zukünftige Bürger/-innen unserer Republik optimal erzieht bzw. ausbildet? Versuchen wir es doch mal.

Die Schule des 21. Jahrhunderts

... erzieht zu Neugier und ist kein Nürnberger Trichter,

... fragt eher "Was weißt du noch nicht?" als "Was weißt du?",

... fördert das laterale Denken und nicht die Autobahnen im Kopf,

... stellt Kreativität als Wert über den von Normenerfüllung und Standardisierung,

... vermittelt Erfahrung und Wissen durch konkrete Fallbeispiele ("Cases"),

... arbeitet viel mit Simulationen, die von Jugendlichen geliebt werden, wie die Verkaufserfolge von PC-Managementspielen für Fußballvereine, Gemeinden, Privathaushalte oder Vergnügungsparks zeigen,

... richtet sich eher nach den aktuellen Interessen der Schüler/-innen als nach starren Lehrplänen,

... bietet neben dem klassischen Fächerkanon praxisnahe Module zu Themen wie Ernährung, Recht, Versicherung, Finanzen, Börse, Bewerbung, Medien oder sogar Umgang mit Menschen,

... führt sehr früh an Fremdsprachen heran,

... nimmt die Schüler ernst in ihren Fragen an das Leben,

... fokussiert stärker auf Teamarbeit als auf Einzelleistung,

... überlegt sich genau bei der Erstellung des Lehrplans, wie viel denn wirklich im Gedächtnis bleibt, wie viel man zur Bewältigung des praktischen Lebens braucht und wie viel überhaupt in 25 Jahren noch gelten wird - und verzichtet daher klug auf vieles,

... hat im Rahmen des entschlackten Lehrplans immer Zeit für Spontaneität und Freiarbeit,

... fördert gesellschaftliches und soziales Engagement über das egoistische Interesse und die eigene Karriere hinaus,

... schafft komplexe Verbindungen ins reale Leben,

... steht in engem Dialog mit der Wirtschaft - durch Praktika, Gastvorträge, Führungen etc.,

... vermittelt früh konkretes und praxisnahes Wissen über attraktive Berufswelten durch Einbeziehung von Männern und Frauen aus der Praxis (wer von Ihnen stünde nicht ab und zu für einen Vortrag über den eigenen Beruf zur Verfügung?),

... gibt den Schülern/Schülerinnen ein realistisches Gefühl für die anzunehmende Nachfragesituation verschiedener Ausbildungsgänge und Berufsbilder - sodass sich Deutschland seine Computer- und Internetexperten in Zukunft nicht mehr aus dem Ausland holen muss,

... steht in enger Partnerschaft mit ausländischen Institutionen und Schulen und wird so zum Fenster zur Welt (Austauschprogramme, Chatrooms, E-Mail-Kontakte, Studienreisen etc.),

... hat einen Aufsichtsrat von Praktikern,

... ist vernetzt mit der Welt durch vielfältigen Internetgebrauch (ein Blumenstrauß für Ron Sommer und seine T-Online-Initiative!),

... vermittelt gute Grundkenntnisse im Umgang mit dem PC auch denen, die ihren Lehrern hier nicht ohnehin überlegen sind,

... schafft es, dass immer wieder junge
Lehrer/-innen mit leuchtenden Augen und frischen Idealen dazukommen, ermöglicht es aber gleichzeitig durch Sabbaticals und Fortbildung, dass auch die älteren Kollegen nicht ausbrennen,

...
ermöglicht Elitebildung durch Förderprogramme und Individualisierung, ohne die Chancen der anderen dadurch zu verringern,

... bietet ausreichend Sport und Bewegung,

... lässt Kunst und Musik nicht unter die Räder der reinen Effizienz kommen,

... bezieht die Eltern kreativ in den Lernprozess ein und nimmt ihren Input ernst,

... stellt sich dem Wettbewerb mit anderen Schulen,

... bietet ihren Schülern/Schülerinnen die Chance, erste unternehmerische Schritte zu machen - etwa in Bereichen wie Schulhofversorgung, Veranstaltungsorganisation oder Materialbeschaffung,

... bemüht sich um direkte und sinnliche Erfahrbarkeit der Lehrinhalte durch Exkursionen, Feldversuche und Außenkontakte,

... lehrt das Lernen - und zwar lebenslang.

Hätte ich die Wette gewonnen? Stimmen Sie den meisten der Forderungen zu? Das freut mich. Nur müssen wir all das als richtig Erkannte auch umsetzen. Und das scheint in unserem komplexen föderalen Schulsystem mit seinen engen Budgetgrenzen schwierig.

Ich weiß: Aus der Entfernung ist so etwas leicht gefordert, und viele exzellente Lehrer/-innen und Schulen realisieren längst viele der Idealvorstellungen. Aber das sollte uns nicht den Blick vernebeln für die normale Wirklichkeit., an der muss gearbeitet werden, sonst verlieren wir international unsere Wettbewerbsfähigkeit.

In den langen Jahren des Schulbankdrückens werden Erfolge wie Misserfolge vorbereitet, werden selbstbewusste und gestaltungsstarke Persönlichkeiten genauso gemacht wie unsichere und angepasste Auftragserfüller. Und jedes Mal ist es eine persönliche (wie auch volkswirtschaftliche) Tragödie, wenn ein Junge oder Mädchen aus Unsicherheit oder Unkenntnis heraus jahrelang auf einen Beruf hin lernt, den er oder sie nie ausüben können wird.

Setzen wir die Schule ganz oben auf unsere Tagesordnungen! Unser größtes Kapital muss optimal gefördert werden!

 

Quelle: Grundsatzrede vom 30. April 2002

Autor(in): Dr. Florian Langenscheidt
Kontakt zur Redaktion
Datum: 10.12.2002
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