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05. 12. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Der Bund will hier keinen Alleingang"

PISA erfordert eine nationale Antwort - Staatssekretär Matschie, BMBF, im Interview

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Christoph Matschie

Bildung PLUS: Sowohl der Bund als auch die Länder sprechen von der Notwendigkeit nationaler Bildungsstandards. Wie kann es trotz unterschiedlicher Zuständigkeiten gelingen, für alle Bildungsbereiche solche Standards zu formulieren?

Matschie: Die PISA- Ergebnisse erfordern eine nationale Antwort. Das heißt, nationale Standards müssen entwickelt und von einer unabhängigen Einrichtung evaluiert werden. Das BMBF hat eine Expertise an den Leiter der Arbeitseinheit "Bildungsqualität und Evaluation" am Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung, Herrn Prof. Klieme, vergeben. Die soll Aufschluss darüber geben, wie in Deutschland diese Standards entwickelt, eingerichtet und evaluiert werden können. Die Ergebnisse dieser Studie werden im Januar vorliegen und gemeinsam mit den Ländern ausgewertet. Der Bund will hier also keinen Alleingang. Wir sind über dieses wichtige Thema gegenwärtig intensiv mit den Ländern im Gespräch.

Bildung PLUS: Einige Bundesländer entwickeln im Verbund schon eigene Rahmenlehrpläne für Grundschulen, andere wie das Saarland im Fall Französischunterricht legen eigene "nationale Bildungsstandards" vor. Wenn dies Schule macht, könnte Deutschland den Bildungsstandards auch auf diese Weise näher kommen, oder betrachten Sie diese Initiativen als kontraproduktives Stückwerk?

Matschie: Wir können es uns nicht leisten, in 16 Bundesländern unterschiedliche Bildungsstandards zu haben, wenn wir nationale Reformen in diesem Bereich vorantreiben wollen. Es genügt nicht, Curricula zusammenzutragen und das Etikett "Bildungsstandard" darauf zu kleben. Solche eng begrenzten Leistungsstandards bleiben hinter den Kompetenzstandards, wie sie gerade auch PISA zugrunde lagen, zurück.

Kommt hinzu: Wenn jedes Land für sich Bildungsstandards definiert - wo bleibt da die bundesweite Koordinierung? Die neuen Ergebnisse der OECD-Studie Education at a Glance haben ein weiteres Mal bestätigt, dass eine wesentliche Voraussetzung für mehr Erfolg im Bildungsbereich eine Umsteuerung im System ist: Schulen müssen selbständiger werden, aber zugleich mehr Verantwortung für die Ergebnisse ihrer Arbeit übernehmen. Dafür brauchen wir Bildungsstandards und deren regelmäßige Evaluation. Das ist aus meiner Sicht eine nationale Aufgabe. Nur so können wir unser Ziel erreichen, Deutschland binnen eines Jahrzehnts unter die fünf führenden Bildungsnationen im OECD-Vergleich zu bringen.

Bildung PLUS: Ganztagsschulen werden momentan als Allheilmittel für das deutsche Schulwesen gepriesen. Wo liegen die Möglichkeiten und Grenzen dieser Schulform?

Matschie: Ganztagsschulen sind gewiss kein Allheilmittel. Sie ersetzen nicht die frühe Förderung durch ein Elternhaus, das zum Beispiel zum Lesen anregt. Sicher ist aber: Ganztagsschulen machen eine gezielte individuelle Förderung möglich und tragen damit erheblich dazu bei, dass nicht mehr in so starkem Maße wie bisher der Wohnort der Eltern oder die soziale oder ethnische Herkunft über den Bildungsweg der Kinder entscheidet.

Voraussetzungen sind ein entsprechendes pädagogisches Konzept und gut geschultes Personal - und das beschränkt sich nicht nur auf Lehrkräfte. Denn der Erfolg von Ganztagsschulen hängt auch davon ab, wie effektiv es gelingt, Lern- und Freizeitphasen sinnvoll miteinander zu verbinden und auch außerschulische Angebote zu integrieren. Sinnvoll ist zum Beispiel eine Zusammenarbeit mit Musik- oder Sportvereinen. So verstanden werden Ganztagsschulen zu Lern- und Lebensorten, die sich positiv auf die gesamte Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen auswirken.

Bildung PLUS: Bildungsministerin Edelgard Bulmahn will den Ländern vier Milliarden Euro für den Ausbau von Ganztagsschulen zur Verfügung stellen. Nun will z.B. Hessen über die Verwendung der Gelder selbst bestimmen. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit der Ausbau von Ganztagsangeboten in den Ländern durch den Bund wie geplant unterstützt wird? Mehr Selbständigkeit für Schulen und Hochschulen soll das deutsche Bildungssystem voranbringen. Wie autonom kann und darf eine Schule denn sein?

Matschie: Hessen hat angekündigt, die Mittel überwiegend für den Ausbau von Schulbibliotheken verwenden zu wollen. Ein Ausbau einer solchen Bibliothek kann im Einzelfall sicherlich sinnvoll sein, um die Lesekompetenz von Schülerinnen und Schülern zu verbessern. Allerdings ersetzt dies nicht das pädagogische Konzept, das wir erwarten, wenn wir die Länder bei der Einrichtung von Ganztagsschulen unterstützen. Hier suchen wir einen einvernehmlichen Weg mit den Bundesländern.  

Das gemeinsame Ziel von Bund und Ländern ist es, das Ganztagsangebot so auszuweiten, dass alle Eltern, die es nutzen wollen, in der Nähe ihres Wohnortes die Möglichkeit dazu haben. Wenn zunächst einmal in den kommenden vier Jahren ein Viertel aller allgemein bildenden Schulen ein Ganztagsangebot vor allem im Grundschulbereich und der Sekundarstufe I machen könnte, wären wir diesem Ziel ein entscheidendes Stück nahe gekommen.

Den Schulen in Deutschland muss ermöglicht werden, selbständiger zu arbeiten. Das heißt zum Beispiel, dass sie sich verstärkt die Lehrkräfte aussuchen können, die zum Schulprofil passen, und es ihnen überlassen bleibt, auf welchem Weg sie ihren Bildungsauftrag erfüllen. Allerdings müssen sie dann eben auch stärker als bisher die Verantwortung für die Ergebnisse ihrer Arbeit übernehmen. Eine solche Umsteuerung ist aber ohne verbindliche Standardsetzung und unabhängige Evaluation nicht möglich.

Bildung PLUS: Bisher gab es keinen nationalen Bildungsbericht, der über den Stand des Bildungswesens in Deutschland, über Entwicklungen und Defizite informierte. Die Kultusministerkonferenz will einen solchen Bericht jetzt in Auftrag geben. Welche Ansprüche muss ein nationaler Bildungsbericht erfüllen?

Matschie: Wir bemühen uns gemeinsam mit den Ländern um eine Verständigung darüber, wie ein nationaler Bildungsbericht erarbeitet werden kann. Ziel einer regelmäßigen und umfassenden Bildungsberichterstattung ist nach einem Beschluss des Deutschen Bundestages, die für Bildungspolitik Verantwortlichen und der Öffentlichkeit bei der Beurteilung der Entwicklung in diesem Bereich zu unterstützen. Durch diese Berichterstattung sollen zugleich Grundlagen für den Vergleich mit den Mitgliedsstaaten der EU und anderen Staaten geschaffen werden.

Unterschiedliche Auffassungen gibt es zwischen KMK und dem Bundesbildungsministerium in der Frage, ob zur Berichterstattung und Begutachtung über die Entwicklung des Bildungswesens in Deutschland ein nationaler Sachverständigenrat ins Lebens gerufen werden soll. Hier schließt  sich das BMBF der Mehrheit des Parlaments an, dass ein solcher Rat nötig ist.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 05.12.2002
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