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05. 12. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Gemeinsame Erklärung! Gemeinsame Positionen?

Die Vertreter/innen von WMK, KMK und Wirtschaftsverbänden über Bildungsstandards

Vergangene Woche trafen sich Vertreter/innen der Wirtschaftsministerkonferenz (WMK), der Kultusministerkonferenz (KMK), des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) erstmals zu einem Spitzengespräch, in dem sie gemeinsam für eine Qualitätssteigerung des deutschen Bildungssystems eintraten.

In einer Erklärung verwiesen die Teilnehmer/innen dieses Spitzengespräches unter anderem auf die Notwendigkeit, Qualitätsstandards zügig zu erarbeiten und bundesweit rasch zur Einsatzreife zu bringen.

Die Online-Redaktion von Bildung PLUS hat deshalb nachgefragt:

1. Warum unterstützen Sie die Erarbeitung von Bildungsstandards?
2. Welche Standards sind das?

Wir erhielten Antwort von

Hier können Sie die Antworten lesen:

Ludolf von Wartenberg, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Präsidiums des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI)

Warum unterstützen Sie die Erarbeitung von Bildungsstandards?
S
eit Jahren beklagen Unternehmen die mangelnde Ausbildungsfähigkeit vieler Schulabgänger und Hochschulen die mangelnde Studierfähigkeit vieler Abiturienten. Internationale und nationale Vergleichstests haben die eklatanten Qualitätsmängel im deutschen Schulsystem nachweisbar offen gelegt. Im PISA-Leistungsvergleich waren vor allem die Länder erfolgreich, deren Schulsystem über klare und verbindliche Standards auf der einen Seite sowie in Methodik und Organisation sehr selbständige Schulen auf der anderen Seite verfügt. Deshalb unterstützt die Wirtschaft die Einführung von Bildungsstandards bei gleichzeitiger Verstärkung der Autonomie der Schulen. Standards müssen auf das Wesentlichste konzentriert sein und sollten nicht das gesamte Unterrichtsgeschehen normieren. Individualität und eigenständiges Profil der Schulen müssen sich noch viel mehr als bisher ausprägen können. Werden allerdings die Standards nicht erreicht, müssen Konsequenzen gezogen werden.

Welche Standards sind das?
Die Bildungsstandards müssen die Ausbildungsfähigkeit bzw. die Studienfähigkeit sichern. Die grundlegenden Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen müssen beherrscht werden. Das bedeutet vor allem Problemerfassungs- und Lösungskompetenz in wichtigen Anwendungsfällen. Die Grundzüge der Naturwissenschaften, des Wirtschaftssystems und des politischen Systems sowie ein bis zwei Fremdsprachen müssen vertraut sein. Dazu gehören aber auch Sozialkompetenzen wie Teamfähigkeit, Kommunikation und der Umgang mit modernen IuK-Techniken. Die Standards können konkurrierend in den einzelnen Bundesländern oder gemeinsam bearbeitet werden. Bei der Erarbeitung von gemeinsamen Bildungsstandards wird darauf zu achten sein, dass ein hohes Niveau und nicht die Einigung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner erreicht wird. So könnte eine Wettbewerbskultur an deutschen Schulen entstehen, mit freiwilligen nationalen und internationalen Leistungsvergleichen in allen Fächer

Dr. Hanspeter Georgi, Minister für Wirtschaft des Saarlandes

Warum unterstützen Sie die Erarbeitung von Bildungsstandards?
Ich bin für die Einführung derartiger noch festzulegender Standards, da andernfalls mehr Autonomie bzw. Selbständigkeit von Schulen nicht möglich sein wird. Grund: Gefahr der negativen Konkurrenz, was wir ja nicht wollen. Schule muss in Zukunft "insolvenzfähig" werden, wenn Mindeststandards nicht eingehalten werden.

Welche Standards sind das?
Die Standards werden abhängig sein vom Schultyp, -aber auf jeden Fall: Lesen, Schreiben, Rechnen, -Fremdsprachen, breite Allgemeinbildung. Schule wird sich in Zukunft im Wettbewerb von anderen neben der Einhaltung der Standards durch "Kür" unterscheiden, will heißen: was macht sie zusätzlich so interessant, dass alle dorthin wollen.

Dr. Dieter Hundt, Arbeitgeberpräsident

Warum unterstützen Sie die Erarbeitung von Bildungsstandards?
Wir brauchen klare und verbindliche Leistungsstandards, die festhalten, welche Kenntnisse und Kompetenzen bis zu welchen Stationen der Schullaufbahn erlangt sein müssen. Die Schulen können ihre erreichten Leistungen an diesen Soll-Vorgaben messen und aufgezeigte Mängel gezielt angehen. Damit wird ein Prozess der ständigen Qualitätsverbesserung in der Schule selbst in Gang gesetzt. Zu Standards gehören daher auch mehr Selbstständigkeit für die Schulen und bessere Fördermaßnahmen für die einzelnen Schüler.

Welche Standards sind das?
Bildungsstandards müssen Mindeststandards sein, die nicht auf Mini-Anforderungen und Schmalspurwissen, sondern auf ein hohes allgemeines Niveau abzielen. Sie sollen für jedes Fach und für jede Schulart formuliert werden. Logische Konsequenz ist die Einführung von zentralen Abschlussprüfungen am Ende der Schullaufbahnen. Für die Arbeitgeber ist es elementar, dass sie sich bei den Schulabgängern auf ein bestimmtes und bundesweit gewährleistetes Niveau an Grundwissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten verlassen können.


Dr. Matthias Rößler, Sächsischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst

Warum unterstützen Sie die Erarbeitung von Bildungsstandards?
Bildungsstandards sind notwendig, damit die Abnehmer von Schulabgängern - Unternehmen oder Hochschulen - wissen, mit welchen Voraussetzungen ein Bewerber zu ihnen kommt. Standards setzen Ziele, motivieren Schüler und Lehrer und unterstützen den Leistungsgedanken. Standards machen Schülerleistungen vergleichbar. Was vergleichbar ist, das ist auch gerecht. Bildungsstandards helfen außerdem, Leistungsunterschiede zwischen den Bundesländern und im Vergleich zu anderen Ländern zu verringern.
Die unionsregierten Länder haben schon weit vor der TIMS-Studie und der PISA-Studie vergleichbare Standards gefordert. Auch im Zusammenhang mit der Diskussion um 12 oder 13 Jahre bis zum Abitur hat Sachsen 1995 argumentiert, dass es - wie beim Hochspringer - nicht darum geht, ob man 12 oder 13 Schritte Anlauf nimmt. Es kommt vielmehr darauf an, wie hoch mal die Latte - also die schulischen Anforderungen - legt und dann wird man ja sehen, ob er reißt oder nicht. Sachsen hat seine Forderung nach dem Abitur nach 12 Schuljahren bei deutschlandweiter Anerkennung mit Standards untersetzt. Dazu gehörten schon damals u.a. eine verbindliche Mindestwochenstundenzahl sowie zu belegende und einzubringende Kernfächer. Zentrale Abschlussprüfungen gibt es in Sachsen schon immer. Nicht zuletzt die konsequente Standardsetzung hat den Freistaat Sachsen im nationalen Pisa-Vergleich auf Platz 3 hinter Bayern und Baden-Württemberg gebracht.

Welche Standards sind das?
Bildungsstandards beschreiben verbindliche Zielvorgaben der Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten in den Fächern. Hinzu kommen methodische, soziale und personale Kompetenzen, die entwickelt werden müssen. Wenn man festlegt, was ein Schüler oder eine Schülerin gelernt haben muss, kann man auch eine  Qualitätskontrolle am Ende eines Bildungsabschnitts vornehmen. Bildungsstandards gehören schon in die Grundschule. Sie muss die Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen so vermitteln, dass sie beim Schüler auch sitzen. Die weiterführenden Schulen bauen darauf auf. Zu den Standards für den mittleren Bildungsabschluss und die allgemeine Hochschulreife gehören die Kernfächer Mathematik, Deutsch, Geschichte, Fremdsprache und Naturwissenschaft. Beim Abitur sind die Kernfächer durchgehend zu belegen und einzubringen.  Mathematik und Deutsch gehören zu den Pflichtprüfungsfächern. Mit Blick auf den Haupt- und Realschulabschluss kommt eine starke Berufsorientierung und beim Abitur die Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten hinzu.

Hans-Artur Bauckhage, Minister für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau in Rheinland-Pfalz und amtierender Vorsitzender der Wirtschaftsministerkonferenz

Warum unterstützen Sie die Erarbeitung von Bildungsstandards?
In der Erklärung wurde die Orientierung an zentralen Bildungsstandards für die Vermittlung und den Erwerb von Kompetenzen z.B. in Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und Naturwissenschaften gefordert. Die Forderung zielt auf Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung.
Mit mehr Autonomie ausgestattete Schulen - auch diese Forderung steht in der Gemeinsamen Erklärung - müssen sich verstärkt der Qualitätskontrolle stellen. In der Industrie wurde unter dem Stichwort ISO 9000 ff bereits Anfang der 90er Jahre eine Optimierung der Betriebsabläufe eingeführt. Den Schulen fehlt bislang ein entsprechendes Controlling.

Welche Standards sind das?
Als Wirtschaftsminister kann und will ich keine Bildungsstandards setzen. Aber ein differenziertes System der Qualitätskontrolle sollte folgende Aspekte berücksichtigen:

  • Festlegung von verbindlichen Qualitätsstandards: Sie sollten Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen der Schüler und Schülerinnen in den verschiedenen Fächern - vor allem Mathematik, Deutsch, Fremdsprachen, Naturwissenschaften - beschreiben. Durch regelmäßige, möglichst länderübergreifende Vergleichsarbeiten wäre festzustellen, ob und inwieweit die Vorgaben erreicht werden.
  • Verpflichtung der Schulen zur regelmäßigen Berichterstattung über ihre Leistungen: Diese Rechenschaftsberichte müssten regelmäßig veröffentlicht werden.
  • Die Verantwortung der Schulen gegenüber der Region ist zu fördern. Wir brauchen Wettbewerb zwischen einzelnen Schulen.
  •  Die Schule insgesamt, die Lehrer, die Lerninhalte und die Didaktik sollten regelmäßig evaluiert werden. Hiermit könnte eine externe, außerhalb des Schulsystems liegende Einrichtung beauftragt werden.

Prof. Dr.-Ing. habil. Dagmar Schipanski, Präsidentin der Kultusministerkonferenz

Warum unterstützen Sie die Erarbeitung von Bildungsstandards?
Eine nachhaltige Sicherung der Qualität unseres Schulwesens erfordert einheitliche Maßstäbe. Diese müssen im internationalen Kontext gespiegelt werden. Die Kultusministerkonferenz hat auf ihrer Sitzung im Mai dieses Jahres einvernehmlich beschlossen, bundesweit geltende Bildungsstandards zu entwickeln. Die Arbeiten daran laufen bereits. Bildungsstandards legen fest, was Schülerinnen und Schüler an allgemein bildenden Schulen zu einem bestimmten Eckpunkt ihrer Schullaufbahn beherrschen sollten. Die Bildungsstandards werden unter Einbeziehung von wissenschaftlichem Sachverstand, den Forderungen der Abnehmerseite - Hochschulen und Arbeitgebern - und mit den Erfahrungen der Schulen erarbeitet. Die Einhaltung der Standards wird regelmäßig überprüft. Auch das haben die Länder gemeinsam beschlossen.

Welche Bildungsstandards sind das?
Bildungsstandards beziehen sich auf Kenntnisse, Kompetenzen und Fähigkeiten, die von Schülerinnen und Schülern bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Bildungsganges erlernt werden müssen. Neben der Weiterentwicklung der bestehenden Vereinbarungen zum Mittleren Abschluss und dem Abitur werden Standards für die Primarstufe und die Sekundarstufe I zunächst in den zentralen Fächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen entwickelt. Zur Definition der Bildungsstandards gehört die Erarbeitung von Aufgabenpools, die den Kenntnisstand der Jahrgangsstufen charakterisieren. Diese Aufgabenpools sollen ständig überprüft, weiterentwickelt und auf wissenschaftlichem Niveau gepflegt werden.

Renate Jürgens-Pieper, Kultusministerin in Niedersachsen

Warum unterstützen Sie die Erarbeitung von Bildungsstandards?
Bildungsstandards formulieren überprüfbare Wissensbestände,
grundlegende Fähigkeiten (Kompetenzen und Qualifikationen), Interessen, Einstellungen und Haltungen, die die Schülerinnen und Schüler am Ende ihrer Schullaufbahn oder an Schnittstellen erreicht haben sollen. Solche Leistungsstandards  lassen sich zentral oder in repräsentativen Erhebungen überprüfen. Sie ermöglichen, dass die Lehrkräfte und die Schulen insgesamt eine Rückmeldung über den
Erfolg ihrer Arbeit erhalten. Das hat es bisher nur beim Abitur gegeben.
Standards, das zeigen bei der PISA-Studie erfolgreiche Länder, sind ein wichtiges Instrument zur Qualitätsverbesserung schulischer Arbeit.

Welche Bildungsstandards sind das?
Die KMK hat sich darauf verständigt, zunächst Standards für den
Mittleren Bildungsabschluss nach Jahrgang 10 zu entwickeln, und zwar in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch, Physik und Biologie, in den ersten drei Fächern auch für den Hauptschulabschluss nach Jahrgang 9 sowie für Deutsch und Mathematik am Ende der Grundschule. Daran arbeitet Niedersachsen
mit Fachleuten mit.

Harald Schartau, Minister für Wirtschaft und Arbeit

Warum unterstützen Sie die Erarbeitung von Bildungsstandards?
Die Diskussion um die Entwicklung von Bildungsstandards hat u.a. durch PISA einen neuen Impuls bekommen. Allerdings befindet sie sich erst am Anfang der Konkretisierung. Das Ministerium für Wirtschaft und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen begrüßt daher die Vorschläge der KMK und des BMBF. Die weitere Entwicklung wird durch aktive Mitarbeit in den Gremien begleitet.
Dieses geschieht vor dem Hintergrund, dass Bildungsstandards in den allgemeinbildenden Schularten auch Auswirkungen auf den Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung haben werden. Für die Volkshochschulen, die u.a. Kurse zur Erlangung von allgemeinen Bildungsabschlüssen anbieten, ist die Entwicklung von besonderer Bedeutung.

Autor(in): Ursula Münch
Kontakt zur Redaktion
Datum: 05.12.2002
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