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28. 11. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Auf dem Weg in die Champions-League: "Selbstständige Schulen" in Niedersachsen

Ab 2003 teilen Schulen Verantwortung mit Kultusministerium

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Wappen von Niedersachsen

Niedersachsen geht in die Offensive: "Wir wollen uns an den internationalen Spitzenländern im PISA-Bildungsvergleich orientieren und machen uns auf den Weg in die Champions-League" - so Ministerpräsident Sigmar Gabriel und Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper.

In der Schulentwicklung sieht sich Niedersachsen im Ländervergleich schon heute als führend, hat das Bundesland doch bereits 2001 mit dem Pilotprojekt "Regionale Kompetenzzentren" -  kurz ProReKo - 29 berufsbildende Schulen in die Freiheit entlassen: Schulmanagement und Budget führen die Schulen in eigener Regie. Das war vor PISA. Erfahrungen dieses Pilotprojektes flossen in die Planungen für die "selbstständige Schulen" in Niedersachsen ein.

Musterschüler der PISA-Siegerländer
Mehr Mitwirkung und weniger Abhängigkeit von staatlicher Bürokratie ist der kleinste gemeinsame Nenner der "selbstständigen Schulen" der PISA-Champions, die Vorbilder für Niedersachsen sind: Finnland, Kanada, Schottland, Schweden und Neuseeland. Jede Schule kann dieser Erfahrung nach am besten selbst die Wege ausloten, die "gut für" das eigene Schulprofil sind. Das Kultusministerium von Niedersachsen definiert drei Tätigkeitsfelder für Schulentwicklung:

1. Selbstständigkeit und Gestaltungsfreiheit
2. Ergebnisverantwortung und Leistungsorientierung
3. Gerechtigkeit und Persönlichkeitsbildung

Indem Niedersachsens Schulen ihre Gestaltungsfreiheit nutzen, beispielsweise durch Teamarbeit im Kollegium, Rhythmisierung der Unterrichtszeiten, mehr Mitbestimmung in der Schulverfassung, prägen sie ein unverwechselbares Profil aus. Mehr Freiheit bedingt mehr Verantwortung: "Selbstständige Schulen" tragen die Verantwortung für die Lernerfolge der Schülerinnen und Schüler. Diese werden kontrolliert durch landesweite Standards und externe Evaluation.
Mit Blick auf das Tätigkeitsfeld "Gerechtigkeit und Persönlichkeitsbildung" verpflichten sich Niedersachsens Schulen dazu, Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern, begabte oder weniger begabte, z.B. durch regelmäßige Schülersprechtage, Lerntagebücher, Kooperationen mit Betrieben, Vereinen, Organisationen.

Erste Stufe zur Selbstständigkeit - Die "Leistungsvereinbarung"
Jede der 3433 Schulen in Niedersachsen kann ab 1.8.2003 selbstständig werden. Auf freiwilliger Basis können Niedersachsens Schulen mit dem Kultusministerium eine so genannte "Leistungsvereinbarung" abschließen. Meldeschluss ist der 31.3.2003. Die Schulen stimmen mit dem Kultusministerium ab, welche der über 300 Vorschriften aufgehoben werden, um die Qualität der schulischen Arbeit und des Unterrichts verbessern zu können; das gilt für Schulen aller Schulformen.

Zugleich müssen alle Schulen ein Schulprogramm aufzustellen, zentrale Abschlussprüfungen und Vergleichsarbeiten durchführen oder am Zentralabitur teilzunehmen, auch diejenigen, die keine "Leistungsvereinbarungen" abschließen. Qualitäts- und Evaluationsmaßnahmen sind Pflicht.

Bei den Ministerien setzt ein "Prozess des Umdenkens" ein, sagt Thomas Castens vom Niedersächsischen Kultusministerium. Entlastet durch die Feinsteuerung der Schulen haben die Schulbehörden Luft, landesweite Standards zu entwickeln, zentrale Abschlussprüfungen vorzubereiten und Vergleichsarbeiten einzuführen.

Alle Schulen werden "selbstständige Schule"
In der zweiten Stufe der Schulreform werden alle Schulen in Niedersachsen "selbstständige Schule". Dies soll durch eine Schulgesetznovelle in der nächsten Legislaturperiode sichergestellt werden. Dabei wird die gesamte Schulbehörde umgebaut und die einzelnen Schulen werden über ein "Globalbudget" verfügen. Allerdings können die Schulen nicht zusätzliche Zuwendungen erhalten wie in Nordrhein-Westfalen mit 40.000 bis 45.000 EUR im Jahr. Das Motto in Niedersachsen heißt: Die Schulen machen ihre Arbeit, nur anders.

Alle Beteiligten der Schulreform, die Schülerinnen und Schüler, die Eltern, die Lehrkräfte und Beamten müssen bei diesem Prozess ihre Rollen neu definieren, sagt Castens. Das ganze System werde ein "miteinander kommunizierendes System", das nicht mehr "per ordre du mufti" funktioniert. Aus dem Verantwortungsmonopol des Staates wird geteilte Verantwortung, die von der Schulbehörde bis zu den Eltern und Schülern reicht. Die Schulbehörden müssen sich genauso bewerten lassen wie die Schulen.

"Politiker gehen davon aus, dass es das zum Nulltarif gibt"
Für Jürgen Werner vom Landeselternrat Niedersachsen bleibt die Schulreform der niedersächsischen Landesregierung diffus: "Alles noch nicht ganz klar." Er befürchtet, dass die Politiker die Schulreform dazu missbrauchen könnten um zu sparen. Er wünscht sich für die "selbständigeren" Schulen eine Verbesserung des Schulklimas: "Das Klima ist einfach miserabel." Es herrsche das Motto "immer ich". Dabei sei eine Kultur des gegenseitigen Vertrauens, des Respektierens, des Helfens und eines freundlicheren Umgangstons unerlässlich für eine Schule, die bessere Leistung fordert. Die Lösung wäre, dass jede Schule den Freiraum tatsächlich nutzt - siehe Handlungsfeld 1 -, um ein "Leitbild" zu prägen. Alle am Schulleben Beteiligten müssten sich verpflichten, die Schulziele zu erreichen.
 
Die CDU-Landtagsfraktion verfolgt die Schulreform mit "großer Skepsis". Grundsätzlich zeigt man sich die aufgeschlossen gegenüber Modellversuchen mit selbstständigeren Schulen und verweist auf die Erfahrungen in Bayern. Zudem hatte die CDU-Landtagsfraktion dem Pilotprojekt "ProReKo" zugestimmt. Doch bei "ProReKo" handele es sich mit berufsbildenden Schulen um große Einheiten, die wirtschaftsnah seien und mit der Verantwortung nicht überfordert würden.
Ein erfolgreiches Projekt "selbstständige Schule" setze jedoch voraus, dass nicht an Personal und Mitteln gespart werde, wie es derzeit passiert. Nachdem beispielsweise die Stellen der Schulpsychologen um ein Viertel gekürzt wurden, sei den selbstständigeren Schulen die personelle Grundlage entzogen.

Kein Fußballverein erreicht in der Champions-League eine Spitzenplatzierung, ohne dass Geld in Spieler und Verein investiert wird. Niedersachsen macht immerhin zusätzlich 230 Mio EUR locker, um die Schulreform zu finanzieren. Auf den Anpfiff muss man allerdings noch neun Monate warten.

Autor(in): Arnd Zickgraf
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Datum: 28.11.2002
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