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31. 10. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"...keine Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner"

Bund und Länder wollen Bildungsstandards - aber auch gemeinsam?

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Prof. Eckhard Klieme

Bildung PLUS: Was macht gute Bildungsstandards aus?

Klieme: Standards sind nicht nur Kerncurricula oder reduzierte Lehrpläne. Standards enthalten drei wichtige Aussagen: Erstens die Grundkompetenzen, die Schülerinnen und Schüler beherrschen müssen, zweitens adäquate Testskonzepte, deren Entwicklung auch Zeit braucht, und ergänzend dazu die konkrete Vorstellung, was guten Unterricht ausmacht.

Bildung PLUS: Wie wichtig sind nationale Bildungsstandards?

Klieme: In Ländern mit einem ausdifferenzierten Bildungssystem müssen die Ergebnisse dieses Systems kontrolliert werden – vor allem die Kenntnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen, die Schülerinnen und Schüler erwerben sollen. Außerdem ist es für die einzelnen Schulen und Lehrer wichtig, dass sie eine Rückmeldung über die Ergebnisse ihrer Arbeit bekommen. Das kann aber nur funktionieren, wenn im Vorfeld Standards vereinbart werden, an denen sich die Rückmeldung orientiert.

Bildung PLUS: Einige Bundesländer entwickeln im Verbund schon eigene Rahmenlehrpläne für Grundschulen. Ist dieser Eifer lobenswert oder eher eine Gefahr für die Entwicklung von nationalen Standards?

Klieme: Ich glaube, dass es im Grunde ein guter Weg ist, den diese Länder einschlagen, weil er von der  Praxis der einzelnen Länder ausgeht. Bevor man auf nationaler Ebene verbindliche Abstimmungsprozesse schaffen wird, vergeht wahrscheinlich noch einige Zeit. Allerdings wäre es problematisch, wenn es zu getrennten Standards für unterschiedliche Ländergruppen  kommen würde.

Bildung PLUS: Sie erarbeiten zusammen mit anderen Wissenschaftlern im Auftrag von Bildungsministerin Edelgard Bulmahn eine Expertise, die Kriterien für nationale Bildungsstandards festlegen soll. Die Länder arbeiten bereits an ihren eigenen Bildungsstandards. In der Öffentlichkeit nährt das nicht gerade die Hoffnung, dass alle am gleichen Strick ziehen... 

Klieme: Ich hoffe, dass sich jetzt nach der Bundestagswahl  eine gute Sachdiskussion entwickelt. Alle Seiten, auch das Bundesbildungsministerium, haben deutlich gemacht, dass es Aufgabe der Länder ist, Bildungsstandards zu definieren. Insofern hat der Bund eine anregende, unterstützende und international flankierende Funktion, aber in der Sache müssen die Länder entscheiden - und das wollen sie ja auch. Mir kommt es als Wissenschaftler darauf an, dass Schnellschüsse vermieden und Standards so entwickelt werden, dass sie pädagogisch gehaltvoll sind und Innovationen im Bildungswesen anregen. Sie sollen keine Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner sein.

Bildung PLUS: Sind nationale Bildungsstandards ein Angriff auf die Kulturhohheit der Länder?

Klieme: Nein. Der Föderalismus sollte auch gar nicht hinterfragt werden, weil er Freiraum bietet. Wir brauchen auf der Ebene der Länder, der Schulen und der Lehrer mehr Flexibilität. Selbststeuerungselemente sind das A und das O einer Bildungsreform. Gleichzeitig muss die Flexibilität mit der Übernahme von Verantwortung verknüpft werden – und für deren Evaluation brauchen wir die Bildungsstandards.

Bildung PLUS: Einige Länder in Skandinavien und die USA arbeiten bereits erfolgreich mit Bildungsstandards. Lassen sich diese nicht auf deutsche Verhältnisse adaptieren?

Klieme: Nein. Wir müssen uns als erstes fragen: Welche Bildungsziele wollen wir in Deutschland vefolgen? Was ist uns im Bereich Mathematik wichtig, was ist unsere Konzeption von Sprach- oder Geschichtsunterricht usw. Für diese grundlegende Fragestellung sollten wir uns Zeit lassen. Außerdem müssen wir an unsere fachdidaktischen und bildungstheoretischen Traditionen anknüpfen und nicht an internationale Vorbilder.

Bildung PLUS: Nun sollen die Lehrer auf den Prüfstand; die OECD will ein Lehrer-PISA durchführen, und Deutschland soll teilnehmen. Lassen sich didaktische Fähigkeiten überhaupt testen?

Klieme: In der Forschung gibt es inzwischen klare Vorstellungen darüber, was guten Unterricht ausmacht. Der Unterricht sollte klarorganisiert und strukturiert sein und bei den Schülern für Aufmerksamkeit sorgen. Zweitens sollte er schülerorientiert, sprich individualisiert, sein. Der Lehrer muss eine gute, fördernde Beziehung zu den Schülern entwickeln, damit Lernmotivation aufgebaut und Hürden überwunden werden können. Drittens soll der Unterricht fachlich systematisch aufgebaut werden, ein Verständnis der wichtigsten Konzepte vermitteln und die Schüler zu eigenem Denken anregen. Den dritten Aspekt zu prüfen ist besonders schwierig, weil es da von Fach zu Fach große Unterschiede gibt.

Bildung PLUS: Das hört sich auf jeden Fall komplexer an als die PISA-Studie...

Klieme: In der Tat konnte PISA nur ansatzweise den Unterricht beleuchten. Wenn man wirklich die Qualität des Unterrichts überprüfen will, muss man alle drei Dimensionen überprüfen – und das ist sehr schwierig. Das macht man heute, indem man Schülerinnen und Schüler befragt, denn diese können die ersten beiden Dimensionen relativ gut einschätzen. Für die dritte Dimension kann man mit Videoaufzeichnungen arbeiten, allerdings ist die Forschung da noch nicht sehr eindeutig und der Aufwand immens. Natürlich muss man auch berücksichtigen, mit welchen Voraussetzungen Schüler in eine Klasse kommen. Sonst würde man die Schule nicht fair bewerten. Ich würde den Unterricht ohnehin  nur als Rückmeldung für Schule und Lehrer untersuchen und nicht, um diese öffentlich zu bewerten. Das wäre kontraproduktiv.

Bildung PLUS: Bildungsministerin Edelgard Bulmahn will mit einem 5-Punkte-Plan innerhalb weniger Jahre an die Spitzengruppe von PISA aufschließen. Ist das realistisch?

Klieme: An den Beispielen USA und England kann man sehen, dass messbare Veränderungen im internationalen Vergleich sicher zehn Jahre brauchen – mindestens. Dann zeigen sich aber erst Tendenzen. Innerhalb dieser Zeitspanne bereits einen Spitzenplatz einnehmen zu wollen, scheint mir unrealistisch.

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 31.10.2002
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