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14. 07. 2000

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Kongress Forum Bildung - Johannes Rau

Bundespräsident fordert tiefgreifende Bildungsreform

I. Deutschland hat den dritthöchsten Ausbildungsstand der Welt: 84% unserer Bürgerinnen und Bürger haben Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung.

In den vergangenen zehn Jahren haben wir in Deutschland zwei Bildungssysteme insgesamt sehr erfolgreich zusammengeführt.

Wir haben engagierte Lehrerinnen und Lehrer. Wir haben kompetente Ausbilderinnen und Ausbilder. Und wir haben eine lernbereite, motivierte Jugend.

Trotzdem sind Begriffe wie "Bildungsreform" und "Bildungsoffensive" in aller Munde. Gelegentlich habe ich den Eindruck, manche wollten das Rad neu erfinden. Das brauchen wir nicht. Ich glaube aber, dass wir Reformen brauchen, Reformen, die viel tiefer gehen müssen, als mancher das vermutet.

Ich will das mit einigen Zahlen deutlich machen:

· Trotz hoher Arbeitslosigkeit können viele Unternehmen nicht genug hoch qualifizierte Arbeitkräfte finden. 20.000 Computerexperten sollen aus dem Ausland nach Deutschland geholt werden.
· Obwohl sich die Abiturientenquote seit Anfang der siebziger Jahre mehr als verdoppelt hat, hat sich die Quote der Universitätsabschlüsse so gut wie nicht verändert.
· Obwohl inzwischen mehr junge Frauen als junge Männer die Schule mit dem Abitur abschließen und mehr Frauen an den Hochschulen und Universitäten studieren, sind sie in Führungspositionen weiter deutlich in der Minderheit.
· 25,8 % aller Ungelernten sind arbeitslos, aber nur 2,6 % der Fachhochschulabsolventen. Das Angebot an regulären Arbeitsplätzen für Un- und Angelernte wird aber aller Voraussicht nach weiter dramatisch zurückgehen. Prognosen beziffern diesen Verlust auf 2,5 Millionen Arbeitsplätze.
· Immer noch verlassen 9 % aller Jungen und Mädchen die Schule ohne Abschluss. Fast 15 % der jungen Erwachsenen zwischen 20 und 29 Jahren haben keine Berufsausbildung. Für junge Ausländer liegen diese Zahlen noch wesentlich höher.
· Nur 9 % der Erwachsenen ohne Berufsabschluss bilden sich beruflich weiter, bei jenen, die ein Hochschulstudium abgeschlossen oder die Meisterprüfung abgelegt haben, ist es immerhin fast die Hälfte.

Jede dieser Zahlen muss uns aufrütteln. Jede macht uns deutlich: Wir können nicht einfach so weitermachen wie bisher. Das gilt vor allem, weil sich in Beruf und Alltag so vieles so schnell verändert. Die alte Volksweisheit "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" erhält angesichts des rasanten Wandels eine ganz neue Bedeutung Heute könnte man sagen: "Hänschen muss lernen, damit Hans weiterlernen kann."

Niemand kann heute genau voraussagen, wie viele Frauen und Männer in zehn oder zwanzig Jahren in welchen Berufen arbeiten werden und welche  Befähigungen sie dafür brauchen.  Wir wissen aber: Die Anforderungen an die Beschäftigten nehmen kontinuierlich zu, und zwar überall.

Die Bildungspolitik steht deswegen vor einer außerordentlichen, doppelten Herausforderung:
· Sie muss das Wissen und die Fähigkeiten vermitteln, die in Zukunft die Lebenschancen des Einzelnen und den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt bestimmen,
· und sie muss gleichzeitig verhindern, dass das Tempo der Veränderungen zu wachsender sozialer Ausgrenzung führt und damit zu einer neuen Form der Klassengesellschaft.

Unser demokratischer Staat muss beide Aufgaben gleichermaßen erfüllen:

Er muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich gesellschaftliche Dynamik entfalten kann und er muss zugleich das Tempo der Veränderungen so beeinflussen, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt, dass die Integrationskraft der Gesellschaft nicht überfordert werden.


Alle 14 Punkte der Rede finden Sie in dem Link zur Internet-Bibliothek weiter unten.

Autor(in): Redaktion
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Datum: 14.07.2000
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