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10. 10. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Bildung wird die Gesellschaft teilen“

Shell-Studie: Bildung teilt Jugendliche in Zwei-Klassen-Gesellschaft

Bild

Ruth Linssen

Bildung PLUS: In der Shell-Studie nehmen Sie regelmäßig die deutsche Jugend unter die Lupe Welche Rolle spielt das Bildungsniveau bei Werten und Lebensentwürfen von jungen Menschen?

Linssen: Das Bildungsniveau ist sehr wichtig, denn es wirkt sich  zusammen mit der sozialen Schichtung  sehr stark auf die Zukunfts- und Berufsperspektiven der Jugendlichen aus. Ein Viertel aller Jugendlichen hat entweder keinen Schulabschluss oder maximal einen Hauptschulabschluss und steht als Verlierer da – die größte Risikogruppe der nächsten Jahre. Die jugendlichen „Gewinner“  besuchen dagegen durchweg Gymnasien oder zumindest Realschulen und haben  sehr gute Abschlüsse. An der Frage der Bildung wird sich die Gesellschaft teilen.

Bildung PLUS: Wenn man sich die Shell-Studie durchliest, bekommt man den Eindruck, dass Jugendliche sehr wohl soziale Kompetenzen besitzen, die sie in der Schule ja anscheinend gar nicht vermittelt bekommen. Wo haben sie sich diese angeeignet? 

Linssen: Das sehen wir auch so, dass die Schule die Aufgaben, die sie wahrnehmen müsste oder könnte, nicht wahrnimmt. Wichtiger für die Sozialisation der Jugendlichen sind die Peer-Group und die Eltern. Die Wertevermittlung in der Schule ist marginal. Der Werte-Mix der Jugendlichen kommt nicht durch die Schule, sondern durch das soziale Umfeld und die Medien zustande.

Bildung PLUS: Auf den ersten Blick zeichnet die Shell-Studie ja kein schönes Bild deutscher Jugendlicher: Anscheinend alle Ego-Taktiker, die nur nach ihrem eigenen Nutzen schauen...

Linssen: Unter Individualität verstehen wir, dass sich die Jugendlichen selbst um ihren Lebensweg kümmern. Das heißt aber nicht, dass sie die Ellenbogen ausfahren. Sie suchen sich einfach den besten Weg für sich aus und engagieren sich dort, wo sie für sich persönlich einen Nutzen sehen. Es ist nicht so, dass sie pure Egoisten sind, denn dafür sind ihnen Freundschaft, Partnerschaft und Familie viel zu wichtig.

Bildung PLUS: Ist der Werte-Mix der Jugendlichen nicht ein Widerspruch in sich? Selbstverwirklichung scheint genauso wichtig zu sein wie Familie und Partnerschaft?

Linssen: Wenn man sich den Werte-Cocktail der Jugendlichen näher anschaut, stellt man fest, dass sie auf vielen Ebenen die Vereinigung von Widersprüchen versuchen: Sicherheit und Individualität, Selbstverwirklichung und Einbindung in Familie und Freundeskreis. Diese Widersprüche in ein Lebenskonzept zu integrieren ist nicht einfach und ich bin schon sehr gespannt, wie sie das umsetzen werden.

Bildung PLUS: Wie erklären Sie sich, dass bei Jugendlichen Leistung, Fleiß und Ehrgeiz hoch im Kurs stehen und andererseits von einigen Politikern eine neue Leistungskultur in der Schule gefordert wird?

Linssen: Das muss man unterscheiden: Schulische Leistung ist nicht für alle attraktiv. Das ist nur für diejenigen lohnenswert, die später auch was daraus machen können. Hauptschüler haben auch mit einer Eins im Abschluss schlechte Perspektiven. Jugendliche sind bereit, etwas zu leisten, aber für ihre eigenen Ziele und nicht für irgendwelche schulischen Vorgaben. Schule betrachten Jugendliche eher als ein notwendiges Übel.

Bildung PLUS: Können Sie aus der Shell-Studie auch ableiten, was Jugendliche von Schule erwarten, oder spielt das eher eine Nebenrolle?

Linssen: Wir hatten den Fokus eher auf Jugend und Politik gelegt. Wir können zwar zum Thema Bildung viel herauslesen, konnten das aber nicht alles in der Studie unterbringen. Zum Beispiel haben wir auch nach der Bewältigung der Leistungsanforderung in der Schule gefragt und auch hier hat sich wieder gezeigt, dass es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft unter den Jugendlichen gibt: Schüler mit guten Noten fühlen sich wohl und diejenigen, die sich schwer tun, klagen über den Leistungsdruck.

Bildung PLUS: Apropos Bildungsniveau: Jugendlichen bescheinigen Sie generell wenig Interesse an Politik. Sind Gymnasiasten interessierter als Hauptschüler?

Linssen: Die Politikverdrossenheit der Jugendlichen bezieht sich generell auf die Parteien. Seit der letzten Studie ist das Interesse an Politik noch einmal drastisch zurückgegangen. Natürlich hängt politisches Interesse mit Bildung zusammen und auch mit den Zukunftsperspektiven des Einzelnen. Jugendliche mit einer guten Bildung stehen zum Beispiel dem Thema Globalisierung oder Europa offener und positiver gegenüber als diejenigen, die kaum Berufsperspektiven haben. Die Gewinner sehen die Chancen, die sich ihnen bieten, und die Verlierer fürchten vor allem die Risiken. Jugendliche engagieren sich vor allem in ihrer sozialen Umgebung - in Schule, Hochschule oder Umweltinitiativen. Sie lehnen aber  Parteipolitik ab, weil sie sich nicht wahr- und ernstgenommen fühlen.

Bildung PLUS: Waren Sie überrascht, dass Bildung in allen Lebensbereichen der Jugendlichen eine so entscheidende Rolle spielt?

Linssen: In dieser Deutlichkeit hat es uns doch überrascht. Da gibt es einen enormen Handlungsbedarf. Ein erfreuliche Entwicklung ist allerdings, dass die Mädchen auf der Überholspur sind: Zum ersten Mal haben mehr Mädchen als Jungs Abitur gemacht und davon versprechen wir uns die Chance, dass sich Mädchen mehr als bisher auf dem Arbeitsmarkt etablieren werden – auch in Führungspositionen.

 

 

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 10.10.2002
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