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02. 07. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Klassenfahrt in den Norden - Teil 4

Prof. Dr. Peter Kaufhold, Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern

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Prof. Dr. Peter Kaufhold

Bildung PLUS: Was haben Sie vom PISA-Sieger Finnland gelernt?

Kauffold: Auf meiner Reise durch Finnland habe ich viele interessante Menschen kennen gelernt und zahlreiche Anregungen für die Diskussion sowie für die eigene Arbeit erhalten. Besonders beeindruckt haben mich die konsensorientierte Bildungs- und Kulturpolitik und die Stellung des Bildungswesens in Finnland und Schweden. Angeregt hat mich auch der Grundsatz „Fördern, statt Selektion“. Von diesem Grundsatz wird auch die Regionale Schule in unserem Land geprägt sein.
In Auswertung der internationalen Ergebnisse der PISA-Studie und insbesondere der Ergebnisse des Ländervergleichs orientieren wir uns künftig an den international erfolgreichen Ländern im Norden, Finnland und Schweden. Denn: Auch die südlichen Bundesländer haben im internationalen Vergleich nur durchschnittliche Werte erreicht. Neben besseren Ergebnissen insgesamt ist im Norden die Bildungsbeteiligung und Bildungsgerechtigkeit höher. In diesen Ländern gelingt es umfassender, mehr Bildungsreserven zu mobilisieren und die Schülerinnen und Schüler besser zu fördern. Dabei ist der Bildungserfolg weniger von der sozialen Stellung der Eltern abhängig

Für meine konkrete Arbeit leite ich Folgendes ab:

  1. Grundschule/Vorschule
    Nachdem in der Grundschule in den letzten Jahren mit der Stundentafelaufstockung die quantitativen Voraussetzungen für die Unterrichtsentwicklung geschaffen wurden, kommt es nun darauf an, die Qualität zu verbessern. Gleichzeitig soll eine stärkere Verzahnung mit dem Vorschulbereich erfolgen. Der Bildungsauftrag muss schon in der Kita gelten.
  2. Standards und Evaluation
    Es werden an den PISA-Anforderungen orientierte Standards für alle Schulstufen entwickelt, deren Umsetzung durch Vergleichsarbeiten überprüft wird.
  3. Unterrichtsentwicklung
    Eine neue Lern- und Unterrichtskultur ist erforderlich. Der Unterricht zielt auf die Vermittlung von Handlungskompetenzen. Es geht um einen handlungs- und problemorientierten Unterricht, weniger um die reine Wissensvermittlung. Die neue Generation von Rahmenplänen, beginnend 2001 mit denen in der Orientierungsstufe, greift diesen ganzheitlichen Lernbegriff auf.
  4. Lehrerqualifikation
    Zur Umsetzung der aus PISA abgeleiteten Anforderungen an den Unterricht sind neue fachdidaktische und methodische Herangehensweisen notwendig. Diese Aufgabe kann nicht nur in der Lehrerausbildung (I. und II. Phase) umgesetzt werden. Sie erfordert auch eine Qualifizierung der Lehrkräfte durch eine intensive Fortbildung. Ein Schwerpunkt hierbei ist unter anderem die Verbesserung der Diagnosefähigkeit der Lehrkräfte.
  5. Die Anzahl der Ganztagsschulen in Mecklenburg-Vorpommern soll erhöht werden mit dem Ziel, die Schülerinnen und Schüler mit Bildungsdefiziten und besonderen Begabungen zu fördern. Dieses ist eine wichtige Maßnahme zur Erhöhung der Chancengleichheit. Die Ganztagsschule wird zu einem Lern – und Lebensort.
  6. Elternhaus und Schule
    Die Erziehung der Kinder ist eine gemeinsame Aufgabe von Elternhaus und Schule. Auch bei Bildung ist die Unterstützung der Schule durch die Eltern erforderlich. Beides verlangt eine regelmäßige gegenseitige Information und Beratung über die Anforderungen und den Leistungsstand der Schüler.

Bildung PLUS: Haben andere Länder die Bedeutung von Bildung früher erkannt?

Kauffold: Ich denke, Sie meinen Finnland und Schweden. So würde ich die Frage jedoch nicht stellen.
In beiden Ländern habe ich eigentlich nichts Spektakuläres gesehen, sondern solide Bildungs- und Erziehungsarbeit, die alle Beteiligten – Lehrer, Schüler und Eltern – in den Prozess einbezieht und keine Schülerin und keinen Schüler zurück lässt. Außerdem habe ich erlebt, dass Schulen und auch die zuständigen Gemeinden stärker an den Ergebnissen gemessen werden. Mit Daten zur Leistungsfähigkeit der Schule wird sehr offen umgegangen, diese sind Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Das bedeutet für uns umdenken. Die Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse ist ein erster Schritt in diese Richtung.


Bildung PLUS: Welche Maßnahmen zur Veränderung des deutschen Bildungswesens müssen zuerst realisiert werden?

Kauffold: In einem Länder offenen Gespräch des Präsidiums der Kultusministerkonferenz mit den Lehrerorganisationen am 04.07.2002 haben wir uns darüber verständigt, dass der gesellschaftliche und politische Stellenwert von Bildung neu zu bestimmen ist und dass Elternhaus, Schule sowie Politik gleichermaßen in der Verantwortung stehen. Außerdem sollte die generelle Wertschätzung von Lernen und Leistung erhöht werden, um den Lehrerinnen und Lehrern die ihnen gebührende Anerkennung zuteil werden zu lassen.
Trotz der erheblichen Unterschiede im PISA-Ländervergleich können und werden wir auch innerhalb Deutschlands voneinander lernen, obwohl wir das in der Vergangenheit auch schon praktiziert haben.

 

 

 

Autor(in):
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Datum: 02.07.2002
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