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13. 07. 2017

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Jeden Einzelnen sehen, niemanden übersehen, jeden ernst nehmen.“

Der Jakob Muth-Preis zeichnet inklusive Schulen aus

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Logo; Quelle: Jakob Muth-Preis

Am 21. Juni 2017 wurde in Rostock der Jakob Muth-Preis verliehen. Drei Schulen und eine schulübergreifende AG erhielten die Auszeichnung für ihre inklusive Schul- und Unterrichtsentwicklung. Sie bekamen Geldpreise und eine individuell auf sie zugeschnittene Fortbildung zum Index für Inklusion.


Inklusion gehört zu den großen Herausforderungen des deutschen Schulsystems. Deutschland hat sich im Jahr 2009 mit der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, allen Kindern den Besuch einer Regelschule zu ermöglichen. In allen Bundesländern wird Schule auf den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Förderbedarf umgestellt ‒ inzwischen besuchen 34,1 Prozent aller Kinder mit Förderbedarf allgemeine Schulen, 2009 waren es noch 18,4 Prozent ‒ doch vielerorts fehlt es noch an der personellen und materiellen Ausstattung.

Jakob Muth-Preis für inklusive Schule

Mit dem Jakob Muth-Preis für inklusive Schule zeichnet die Beauftrage der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung und der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) seit 2009 jedes Jahr Schulen aus, die Inklusion trotz schwieriger Rahmenbedingungen exzellent umsetzen. Seitdem gab es über 600 Bewerbungen und 25 Preisträger aus insgesamt 12 Bundesländern. In diesem Jahr geht einer der insgesamt vier Preise an den Schulcampus Rostock-Evershagen in Mecklenburg-Vorpommern. An dem Schulcampus befinden sich unter dem Dach einer Schulleitung Orientierungsstufe, Gymnasium, Regionale Schule und flexible Schulausgangsphase, was für die Schüler den Vorteil hat, dass sie bei einem Wechsel der Schulform ihr gewohntes Umfeld nicht verlassen müssen. An der gebundenen Ganztagsschule mit rund 1000 Schülern finden außerdem den ganzen Tag über AGs statt, um den Schultag aufzulockern. Überzeugt hat der Schulcampus die Jury aber mit seinem umfassenden Inklusionsverständnis, bei dem es um das Lernen und um das Wohlergehen aller Kinder geht, ob mit oder ohne diagnostizierten Förderbedarf. Ein gut funktionierendes Netzwerk aus Schulleitung, Sonderpädagogin und Schulsozialarbeiter unterstützt die Schülerinnen und Schüler im normalen Schulalltag sowie in schwierigen Lebenssituationen vorbildlich und steht bei Bedarf in Kontakt mit Eltern, Ärzten, Therapeuten, dem Jugendamt und anderen. „Jeder und jede Jugendliche kann phasenweise einmal Unterstützung benötigen. Und die bekommen sie dann am Schulcampus auch“, will Schulleiter Gerald Tuschner. Ziel des Schulcampus ist es, für jeden Schüler und jede Schülerin in jeder Lage Ansprechpartner und Lösungen zu finden. „Alle Kinder sind individuell. Und Inklusion heißt nie, alle gleich behandeln, aber es heißt: jeden Einzelnen sehen, niemanden übersehen, jeden ernst nehmen“, erklärt die Sonderpädagogin Andrea Krause. Sie ist am Schulcampus Rostock-Evershagen als didaktische Leiterin angestellt und fühlt sich für alle Kinder zuständig. Sie übernimmt vielfältige Aufgaben, etwa die individuelle Betreuung und Förderung einzelner Schüler, deren Ausstattung mit Förder-Lehrmaterial, die enge Zusammenarbeit mit den Schulbegleitungen der Caritas Mecklenburg e.V. und den regelmäßigen Austausch mit dem Schulsozialarbeiter Michael Gartschock. Darüber hinaus steht sie den 90 Regelschullehrkräften beratend zur Seite. Diese profitieren gerne von Wissen und Know-how der Kollegin.

Merkmale einer guten inklusiven Schule
Doch was sind eigentlich wesentliche Merkmale einer guten inklusiven Schule? Welche Handlungsfelder sind für eine inklusive Schul- und Unterrichtsentwicklung wichtig? Wie gelingt es, dem Ziel einer guten inklusiven Schule einen Schritt näher zu kommen? In einem Kooperationsprojekt mit dem Bereich Sonderpädagogik der Universität Hannover ist die Bertelsmann Stiftung diesen Fragen nachgegangen. In Interviews mit den Lehrkräften, Sonderpädagogen und Eltern vieler Preisträgerschulen sowie aus der Praxis der Bewerberschulen hat sie herausgearbeitet, wie unterschiedlich gut gelebte Inklusion sein kann ‒ und dass sich trotz aller Unterschiede zwischen den Schulen sieben gemeinsame Merkmale festhalten lassen: In der inklusiven Schule stehen die Schüler mit ihrem Bildungserfolg im Mittelpunkt, der inklusive Unterricht fokussiert auf individuelles und kooperatives Lernen. Verbindliche Absprachen schaffen verlässliche Strukturen für das gemeinsame Lernen. Die inklusive Schulpraxis steht immer wieder auf dem Prüfstand. Kollegium und Schulleitung arbeiten eng zusammen und kooperieren mit Eltern und externen Partnern. Haltung, Kompetenz und geeignete Rahmenbedingungen bilden das Fundament inklusiver Schule.

Die Preisverleihung
Jedes Jahr zeichnet der Jakob Muth-Preis vier Schulen bzw. drei Schulen und einen Schulverbund aus, die sich auf den Weg gemacht haben, inklusives Lehren und Lernen zu vermitteln. Die Entscheidung über die Preisträger treffen die Projektträger gemeinsam mit einer wechselnd besetzten ehrenamtlichen Jury aus Erziehungswissenschaftlern, Schulpraktikern, Vertretern aus Politik und Zivilgesellschaft sowie Elternverbänden. Die drei Einzelschulen erhalten gleichwertige Preise in Höhe von jeweils 3000 €, der Schulverbund bekommt einen Preis in Höhe von 5000 €. Außerdem kann jeder der Preisträger eine individuell auf ihn zugeschnittene Fortbildung zum Index für Inklusion durch die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft wahrnehmen.

In diesem Jahr wurde der Jakob Muth-Preis am 21. Juni 2017 in Rostock verliehen. Neben der Rostocker Schule wurden die Antonius von Padua Schule in Fulda, Hessen, die Geschwister-Prenski-Schule in Lübeck, Schleswig-Holstein, und die niedersächsische Stadt Oldenburg mit der AG „Inklusion an Oldenburger Schulen“, die das gemeinsame Lernen in allen Schulen der Stadt systematisch unterstützt und voranbringt, ausgezeichnet. „Mit der Verleihung des Jakob Muth-Preises zeichnen wir seit Jahren Schulen aus, die zeigen, dass inklusives Lernen an allen Schulformen gelingen kann“, sagte Verena Bentele, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, bei der Preisverleihung. Die Geschwister-Prenski-Schule in Lübeck unterstützt ebenfalls mit einem gebundenen Ganztagsangebot und einer guten Vernetzung das gemeinsame Lernen für alle Kinder und Jugendliche. Der Jury gefiel besonders ihre offene und konstruktive Lernatmosphäre. An der Antonius von Padua Schule in Fulda lernten bis zum Schuljahr 2013 ausschließlich Kinder und Jugendliche mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Beginnend mit dem Schuljahr 2014 wurde aus der Grundstufe der Förderschule eine inklusive Grundschule, an der die Kinder jetzt klassenübergreifend von- und miteinander lernen. Und in der niedersächsischen Stadt Oldenburg machen sich in der 2012 gegründeten Arbeitsgemeinschaft „Inklusion an Oldenburger Schulen“ mittlerweile über 60 Mitglieder aus Selbsthilfegruppen, Schulen, Stadtelternrat, Stadtschülerrat, Landesschulbehörde, freien Trägern, Politik und Stadtverwaltung gemeinsam auf den Weg zur inklusiven Schule. Ziel der AG ist es, stadtweite Lösungen für die Herausforderung Inklusion zu finden, dazu gehören zum Beispiel die bereits umgesetzte budgetierte Schulbegleitung oder der Schülertransport.

Inklusion im Bildungsbereich bedeutet, allen Menschen die gleichen Möglichkeiten zu eröffnen, an qualitativ hochwertiger Bildung teilzuhaben und ihre Potenziale entwickeln zu können, unabhängig von besonderen Lernbedürfnissen, einer Behinderung, Herkunft, Geschlecht oder sozialen und ökonomischen Voraussetzungen. Das setzen die Preisträgerschulen vorbildlich um.





Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 13.07.2017
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