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29. 09. 2016

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Es liegt noch ein weiter Weg vor uns.“

Deutscher Weiterbildungstag 2016

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Siegfried Schmauder

Am 29. September findet der „Deutsche Weiterbildungstag 2016“ statt. Die Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Siegfried Schmauder, dem Sprecher des Deutschen Weiterbildungstages, über die Ziele der alle zwei Jahre durchgeführten Veranstaltung sowie über das diesjährige Motto „Weiterbildung 4.0 – fit für die digitale Welt.“


Online-Redaktion: Der Deutsche Weiterbildungstag findet in diesem Jahr zum sechsten Mal statt und hat sich als fester Bestandteil der deutschen (Weiter-)Bildungsszene etabliert. Was hat sich seit dem ersten Deutschen Weiterbildungstag in der Erwachsenenbildung getan und hat der Weiterbildungstag sein Ziel, „die öffentliche Wahrnehmung dafür zu schärfen, was berufliche, politische, wissenschaftliche, kulturelle und allgemeine Erwachsenen- und Weiterbildung in unserem Land leistet“, erreicht?

Schmauder:
Ich meine ja! Die inhaltliche und politische Wahrnehmung der Weiterbildungsbranche hat sich in den vergangenen neun Jahren auf jeden Fall gesteigert. Zu dem Zeitpunkt des ersten Deutschen Weiterbildungstages 2007 gab es noch eine relativ hohe Arbeitslosigkeit, der Fachkräftemangel war noch nicht so erkennbar und präsent wie heute, und auch die europäischen Bildungsthemen und Qualifizierungsstandards sowie die Digitalisierung im Bildungsbereich standen noch am Anfang. Die Weiterbildung befand sich in der Defensive, es gab kein gemeinsames Sprachrohr und keinen gemeinsamen Plattformansatz. Seitdem sich der Deutsche Weiterbildungstag bzw. die Veranstalter, die hinter ihm stehen, auch zwischen den Weiterbildungstagen diesen Themen stellen und mit konkreten Beiträgen an fachlichen und politischen Diskussionen teilnehmen, hat die Wahrnehmung der Weiterbildung deutlich zugenommen, so werden wir zum Beispiel regelmäßig zu Anhörungen in den Bundestag eingeladen, wenn es um Bildungs- und Weiterbildungsfragen geht.

Online-Redaktion:
Der Deutsche Weiterbildungstag steht in diesem Jahr unter dem Motto „Weiterbildung 4.0 – fit für die digitale Welt“. Die Digitalisierung der Gesellschaft ist nicht aufzuhalten. Wie fit ist die deutsche Gesellschaft für die digitale Welt?

Schmauder: Die Befunde über den Grad oder die Qualität der Digitalisierung in der deutschen Gesellschaft fallen sehr unterschiedlich aus. In vielen Großunternehmen ist Digitalisierung, etwa im Fertigungsbereich, schon weit fortgeschritten. Diese Betriebe organisieren sich nach den Grundprinzipien einer digital vernetzten Produktion und schulen ihre Mitarbeiter nach dem neuesten Stand der Technik. Die meisten mittelständischen Betriebe hingegen tun sich schwer mit der Digitalisierung und damit auch mit der Weiterbildung auf diesem Gebiet. Auch an vielen Schulen fehlt es noch an spezieller Ausstattung und Fachlehrern sowie an der grundlegenden IT-Qualifikation der Lehrkräfte. An den Hochschulen hingegen ist digitale Technik und Expertise zwar häufig vorhanden, aber der methodische und didaktische Ansatz hinkt den Möglichkeiten weit hinterher. Und in der beruflichen oder allgemeinen Weiterbildung gibt es Anbieter, die sich schon sehr früh auf digitalisierte Lernformate eingestellt und auch ihre eigenen Prozesse digitalisiert haben, das ist aber noch nicht der Standard in der Weiterbildungsbranche. Also lassen Sie mich es so sagen: Wir sind in Deutschland auf dem Stand von „Fortgeschrittenen“, was die Digitalisierung anbelangt, aber noch ein ordentliches Stück davon entfernt, wirklich umfassend fit für die digitale Welt zu sein. Es liegt also noch ein weiter Weg vor uns auch in der Weiterbildung.

Online-Redaktion: Welche Forderungen verbinden Sie mit dem Motto „Weiterbildung 4.0 – fit für die digitale Welt“?

Schmauder: Digitalisierung macht weder vor Organisationsstrukturen, noch vor föderalen oder internationalen Grenzen halt. Deshalb befürworten wir, dass das Thema Digitalisierung in der (Weiter-)Bildung einem europäischen Ansatz folgt. Wir sind froh, dass wir dieses Jahr Günther H. Oettinger, EU-Kommissar für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft, als Schirmherren gewinnen konnten und fordern, dass die EU die positiven Programme und Ansätze, die es schon gibt, weiter ausbaut. Zweitens gibt es beim Lehrpersonal sehr unterschiedliche Qualifikationsniveaus. Wir halten daher ein einheitliches IT-Qualifizierungsprogramm für Lehr- und Ausbildungspersonal für dringend notwendig, das die Erkenntnisse der Lehr- und Lernforschung berücksichtigt und mit dem aktuelle informationstechnische und medienpädagogische Kenntnisse und Fertigkeiten vermittelt werden. Dazu gehören auch Themen wie IT-Sicherheit und Urheberrecht, vor allem aber das Thema Medienkompetenz. Es genügt nicht, die Lernenden mit allen denkbaren IT-technischen Möglichkeiten vertraut zu machen, aber die Medienkompetenz, also die nachhaltige und verantwortungsbewusste Anwendung der neuen Technologien, zu vernachlässigen. Ein weiteres Thema ist die Dokumentation und Anerkennung von Lernergebnissen. Es ist notwendig, das, was online gelernt wurde, durch Qualifikationsnachweise transparent zu machen. Hier muss ein System geschaffen werden, das eine objektive Beurteilung der von den Lernenden erworbenen Fertigkeiten und Kenntnissen sowie deren Anerkennung durch Zertifikate oder sogenannte Batches auf einer vergleichbaren Ebene ermöglicht. Und eine weitere Forderung lautet, das Ressortdenken zu überwinden und bei der digitalen Agenda der Bundesregierung eng zusammenzuarbeiten. Das betrifft Bund und Länder, aber auch die Wirtschaft und die Weiterbildungsbranche. Die Konzepte und Programme, die es in der „Weiterbildung 4.0“ gibt, müssen miteinander verzahnt werden. Es muss ein für alle Bildungsbereiche gültiger Ansatz gefunden werden. Dazu wollen wir, auch mit Blick auf den Nationalen IT-Gipfel, beim Deutschen Weiterbildungstag 2016 aufrufen.

Online-Redaktion:
Welche Unterstützung für das Thema erhoffen Sie sich dadurch, dass Günther H. Oettinger, EU-Kommissar für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft, die Schirmherrschaft für den Deutschen Weiterbildungstag 2016 übernommen hat?

Schmauder: Ich glaube, dass der Deutsche Weiterbildungstag, insbesondere wenn es um Digitalisierung geht, aber auch sonst, nicht mehr hinter den europäischen Blickwinkel zurückgehen kann. Viele Maßnahmen, wie der europäische Qualifikationsrahmen, von der EU finanzierte digitale Lehr- und Lernmaterialien, Onlineplattformen wie EPALE oder das neue Projekt „Grand Coalition for Digital Jobs“, bei dem es um die Rolle der Erwachsenenbildung in Europa geht, verlassen immer mehr den nationalen Rahmen. Günther H. Oettinger als Schirmherr ist in Bezug auf die Digitalisierung und die Europäisierung des Lernens für uns ein wichtiger Botschafter. Er „brennt“ für das Thema Digitalisierung und hat dabei die Aspekte der Weiterbildung fest im Blick.

Online-Redaktion: Was erwarten Sie von dem Nationalen IT-Gipfel 2016, der im November in Saarbrücken stattfindet?

Schmauder: Ich finde es gut, dass das Thema „Qualifizieren und Arbeiten 4.0“ dieses Jahr im Mittelpunkt steht und dass Forderungen, wie solche, die wir in unserer politischen Plattform niedergelegt haben, beim diesjährigen Nationalen IT-Gipfel einen Schwerpunkt bilden. Denn es interessiert eine breite Öffentlichkeit nicht nur, wie sich IT-Technologien, sondern vor allem wie sich die „Soft Facts“ ‒ die Arbeitswelt, das Lernen und die Rahmenbedingungen, die notwendig sind ‒ entwickeln.

Online-Redaktion: Mit welchen Programmen und Angeboten mitgestalten und fördern die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Weiterbildungstages das Motto „Weiterbildung 4.0“?

Schmauder: Ein großer Teil der bundesweit über 500 Aktionen und Veranstaltungen befasst sich mit digitalen Lernangeboten und Formaten. Es werden zum Beispiel von der TÜV Rheinland Akademie Webinare angeboten, in denen Menschen, die noch Berührungsängste mit digitalem Lernen haben, erste Erfahrungen machen können. Auch viele Fernhochschulen, wie beispielsweise die Studiengemeinschaft Darmstadt stellen an diesem Tag Einsteigerprogramme ins Netz. In Bremen wird mit kompetenten Gästen über Chancen und Risiken von Arbeit 4.0 für die Weiterbildungsbranche diskutiert und in Köln veranstaltet die TH Köln ein Barcamp auf ihrem Campus. Dort geht es den ganzen Tag um Weiterbildung 4.0 und die Zukunft der Weiterbildung in der digitalen Welt. Unter dem Motto „Berlin macht sich schlau zu Industrie 4.0“ sind an drei Standorten der dortigen TU sowie der Hochschule für Technik und Wirtschaft Innovationen aus Industrie, Handwerk und Dienstleistung zu erleben. Schirmherrin ist Dilek Kolat, Berliner Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen. Und last but not least öffnet die Deutsche Angestellten Akademie (DAA) an vielen Orten, zum Beispiel in Wittstock, ihre Türen. Für Besucher gibt es dort einen digitalen „WEITERkommen“-Pfad.

Online-Redaktion: Auch in diesem Jahr wird es bei der zentralen Auftaktveranstaltung eine Ehrung der „Vorbilder der Weiterbildung“ geben. Für welche „besonderen Geschichten des Lernens in der digitalen Welt“ werden die diesjährigen Preisträger ausgezeichnet?

Schmauder: Dieses Mal ehren wir vier ganz unterschiedliche Vertreterinnen, die in ihrem jeweiligen Umfeld, auch bezogen auf digitales Lernen, Besonderes geleistet haben und deshalb eine besondere Würdigung verdienen. Juliane von Hinüber-Jin, eine methodisch herausragende Dozentin aus Hannover, bringt Lehrerinnen und Lehrern mit Migrationshintergrund sowie Flüchtlingen mit Hilfe digitalen Lernens die deutsche Sprache näher. Die zweite Preisträgerin ist eine alleinerziehende Mutter von vier kleinen Kindern, die immer Abitur machen wollte, es aber aufgrund ihrer familiären und persönlichen Situation nicht geschafft hat. Nebahat Cakir, eine türkische junge Frau, die mit 17 Jahren verheiratet wurde und die Schule verlassen musste, holt mit 34 Jahren dank eines Online-Abitur-Kollegs ihr Abitur nach und plant jetzt sogar ein Jurastudium. Die dritte Preisträgerin, Sabine Müller, eine 46-jährige Frau, hat die Schule in der 9. Klasse als „aufsässige Schülerin“ verlassen und erst viele Jahre später durch eine besondere Hochschulzugangsberechtigung ein digitales Studium der sozialen Arbeit absolvieren können. Heute schafft sie als Geschäftsführerin einer sozialen Einrichtung für sich noch einmal ganz neue Möglichkeiten. Als viertes wird das Mainzer Studienhaus, ein Unternehmen, das Bildungseinrichtungen beim oft mühevollen Einstieg in die digitale (Bildungs-)Welt begleitet, ausgezeichnet. Dieses Mainzer Studienhaus ist ein wirklich vorbildliches Unternehmen, das auch unserer Branche hilft.

Online-Redaktion: Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Schmauder:
Uns liegt daran, dass der Deutsche Weiterbildungstag als Plattform vor allem auch zwischen den Weiterbildungstagen funktioniert. In der politischen Wahrnehmung kommt die Weiterbildung leider immer noch an dritter oder vierter Stelle. Wir wollen dazu beitragen, diesen Prozess der öffentlichen Wahrnehmung weiter auszubauen. Was die Digitalisierung angeht, möchten wir als Deutscher Weiterbildungstag daran mitwirken, dass die digitale Spaltung in unserer Gesellschaft nicht noch tiefer wird. Gerade in der Weiterbildung fehlt es oft an übergreifenden Konzepten, manchmal auch an der materiellen Ausstattung. Dafür gilt es auch beim diesjährigen Weiterbildungstag die entsprechenden Signale zu senden.



Siegfried Schmauder
, Konzernbevollmächtigter für Regierungs- und Verbandsangelegenheiten bei der TÜV Rheinland AG mit langjähriger Erfahrung im Bildungsmanagement. Gründungsmitglied des Bundesverbandes der Träger beruflicher Bildung (Bildungsverband) e.V. und Sprecher des Veranstalterkreises Deutscher Weiterbildungstag seit 2010. Verheiratet, zwei Kinder und wohnhaft in Potsdam.






Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 29.09.2016
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