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07. 07. 2016

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Inklusion kommt allen zugute“

Das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim wurde als erstes Gymnasium mit dem Jakob Muth-Preis ausgezeichnet.

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Logo „Jakob Muth-Preis für inklusive Schule"

Der „Jakob Muth-Preis für inklusive Schule" wurde in diesem Jahr zum ersten Mal an ein Gymnasium vergeben. Während der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung an Grundschulen immer alltäglicher wird, haben sich noch nicht so viele Gymnasien für das inklusive Lernen geöffnet. Das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim (GSG) hat sich vor drei Jahren dazu entschlossen, Kinder mit besonderem Förderbedarf aufzunehmen und differenziert zu unterrichten.


Seit 2009 – das Jahr, in dem in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft trat - vergeben die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, die Bertelsmann Stiftung und die Deutsche UNESCO-Kommission gemeinsam den „Jakob Muth-Preis für inklusive Schule“ an Schulen und Schulverbünde, „die inklusive Bildung beispielhaft umsetzen und so allen Kindern die Möglichkeit eröffnen, an hochwertiger Bildung teilzuhaben und ihre individuellen Potenziale zu entwickeln.“
Jedes Jahr werden insgesamt vier Preise vergeben: Drei Preise an Einzelschulen in Höhe von jeweils 3.000 Euro sowie ein Preis an einen Schulverbund in Höhe von 5.000 Euro. Jeder Preisträger kann außerdem an einer individuell auf ihn zugeschnittenen Fortbildung zum Index für Inklusion durch die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft teilnehmen.
Der Namensgeber des Preises, Professor Jakob Muth (1927 – 1993), gilt als ein Vorkämpfer des gemeinsamen Lernens. Selbst Pädagoge, setzte er sich zeitlebens für eine gemeinsame Erziehung behinderter und nicht behinderter Kinder ein.

Verliehen wurde der Preis am 22. Juni 2016 offiziell im Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim in Nordrhein-Westfalen von Verena Bentele, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Prof. Dr. Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission e.V., Ulrich Kober, Bertelsmann Stiftung, Edwina Koch-Kupfer, Staatssekretärin im Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt, und Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen. Neben dem Geschwister-Scholl-Gymnasium sind die Grund- und Mittelschule Thalmässing in Bayern, die Saaleschule Halle in Sachsen-Anhalt sowie der nordfriesische Schulverbund um die Pestalozzi-Schule Husum in Schleswig-Holstein prämiert worden.

Engagement wird am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim groß geschrieben
Das GSG, dessen Leitbild auf den drei Säulen „Fundierte Bildung“, „Zivilcourage“ und „Soziale Kompetenz“ beruht, ist Europaschule NRW, „Schule der Zukunft“, „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ und hat jetzt, Ende Juni, als erstes Gymnasium in Deutschland den „Jakob Muth-Preis für inklusive Schule“ erhalten. Die Arbeit für Inklusion am GSG sei der beste Beleg dafür, dass gemeinsames Lernen in jeder Schulform gelinge, meinte Verena Bentele bei der Preisvergabe. „Das Geschwister-Scholl-Gymnasium, für das Vielfalt zum Selbstverständnis gehört, ist auch ein überzeugendes Beispiel dafür, dass inklusive Schulen offen sind für alle, auch für die Integration von Flüchtlingskindern ins deutsche Bildungssystem“, ergänzte sie. Denn neben den Klassen für gemeinsames Lernen – pro Jahrgang gibt es eine Klasse, in der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam mit Kindern ohne Förderbedarf unterrichtet werden – hat die Schule im laufenden Schuljahr zwei internationale Willkommensklassen für Flüchtlinge eingerichtet. In diesen werden die neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen an die Regelklassen herangeführt. Derzeit besuchen über 1.500 Schülerinnen und Schüler von der fünften bis zur zwölften Klasse das GSG, darunter 190 Kinder mit Migrationshintergrund und 17 Kinder mit unterschiedlichen Förderbedarfen.

Das gemeinsame Lernen am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim

Jede Klasse des gemeinsamen Lernens wird von einem Tandem, bestehend aus einer Regel- und einer Förderschullehrkraft, gemeinsam unterrichtet. Eine Diplompädagogin koordiniert die Teams und steht als Ansprechpartnerin für Lehrkräfte und Schülerschaft zur Verfügung. Die Unterrichtsfächer werden im Doppelstunden-Rhythmus abgehalten, damit an einem Tag nicht zu viele Themen behandelt werden und individualisierte Lernformen besser zur Geltung kommen. Zusätzlich erhalten alle Kinder der fünften bis neunten Jahrgangsstufe wöchentlich zwei 90-Minuten-Einheiten als freie Lernzeiten, in denen sie das Gelernte vertiefen, aber auch in der Bibliothek oder der Jugendhilfe an verschiedenen Projekten arbeiten können.

Von diesem System profitieren alle Kinder, denn auch diejenigen ohne Förderbedarf werden individuell gefördert und in ihrer Leistungsbereitschaft motiviert. Das kann zum Beispiel so aussehen, dass Unterricht in verschiedenen Geschwindigkeiten und Schwerpunkten durchgeführt wird. Wenn in der sechsten Klasse die zweite Fremdsprache eingeführt wird, können die Schüler mit Förderbedarf in den Fächern Werken und Kochen parallel dazu erste praktische Erfahrungen sammeln, um sich auf das spätere Berufsleben vorzubereiten. Auch erhalten die Schüler im gemeinsamen Unterricht die Möglichkeit, ihre Leistung zu einem individuell festgelegten Zeitpunkt zu erbringen und schriftliche Aufgaben auch noch einmal zu überarbeiten. Nicht immer wird Wissen dabei in der herkömmlichen „Klassenarbeit“ abgefragt. Manchmal werden auch mündliche Prüfungen, Projektarbeiten oder Präsentationen durchgeführt. Bei der Auswahl dürfen die Schülerinnen und Schüler sogar ein Wörtchen mitreden: Wenn individuelle Varianten von Klassenarbeiten im gemeinsamen Unterricht erprobt werden, können alle Schüler in dem so genannten Soziokratiekreis ihre Meinung dazu einbringen.

Eine Förderung für alle Kinder
„Insgesamt hat sich das Geschwister-Scholl-Gymnasium in bemerkenswerter Weise für das Thema Inklusion geöffnet“, heißt es mit den Worten der Jury. Denn neben dem gemeinsamen Unterricht führt die Schulleitung intensive Gespräche mit Politik und Verwaltung, um die Rahmenbedingungen für ein inklusives Gymnasium zu verbessern, öffnet sie ihre Tore für jeden, der sich ein Bild von der inklusiven Arbeit vor Ort verschaffen möchte und publiziert in Fachzeitschriften, wie Inklusion am Gymnasium erfolgreich gelingen kann.

Auf diesem Weg erhält sie auch von den Eltern große Zustimmung, da diese merken, dass Inklusion nicht nur den Kindern mit Förderbedarf zugutekommt. Fast alle zugelassenen Jugendlichen schafften in diesem Jahr ihr Abitur, rund ein Drittel sogar mit einem Notendurchschnitt von 1,9 und höher, außerdem war das Gymnasium Projektschule des „Netzwerkes Hochbegabtenförderung in NRW". Sonderpädagogische und Hochbegabtenförderung müssen kein Widerspruch sein, wenn eine Pädagogik gelebt wird, die die Bedürfnisse aller Schülerinnen und Schüler berücksichtigt.

 

 

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 07.07.2016
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