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27. 06. 2016

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Die Herausforderungen bleiben

Sechster nationaler Bildungsbericht veröffentlicht

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Prof. Dr. Kai Maaz; Quelle: DIPF

Die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) haben am 16. Juni gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) den Bericht "Bildung in Deutschland 2016" vorgestellt. Der sechste nationale Bildungsbericht beschreibt die Gesamtentwicklung des deutschen Bildungswesens und hat nach zehn Jahren in seinem Schwerpunktkapitel erneut das Thema "Bildung und Migration" aufgegriffen. Der Bericht wurde unter Federführung des DIPF von einer Autorengruppe erstellt. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Prof. Dr. Kai Maaz, dem Sprecher der Autorengruppe, über die Ergebnisse.


Online-Redaktion: Vor zehn Jahren erschien der erste Bildungsbericht. Welche positiven Veränderungen haben sich im Bildungswesen seitdem vollzogen?

Maaz: Es gibt einige positive Entwicklungen. Im frühkindlichen Bereich beispielsweise gibt es einen deutlichen Anstieg der Bildungsbeteiligungsquoten sowohl bei den Drei- bis Sechsjährigen als auch bei den unter dreijährigen Kindern. Besonders in Westdeutschland hat man in diesen zehn Jahren einen deutlichen Aufschwung sehen können. Auch im Schulsystem sind positive Veränderungen zu verzeichnen, die aber noch nicht auf dem Niveau sind, das man sich erhoffen würde. Es gibt einen leichten Anstieg in den Kompetenzen, insbesondere bei Kindern aus weniger begünstigten Familien, und insgesamt einen leichten Rückgang von Disparitäten. Trotzdem sind sie noch unerfreulich hoch. Dann sind die Ganztagsschulen quantitativ deutlich ausgebaut worden. Und in der Schulstruktur der Sekundarstufe I deuten sich klare strukturelle Veränderungen an, die - weg von einem sehr ausdifferenzierenden Bildungssystem mit vier bis fünf Schulformen - zu einem System gehen, in dem es das Gymnasium, die Förderschule und eine zweite Schulform neben dem Gymnasium gibt.
Im beruflichen Bereich sind die positiven Befunde eher zu suchen. Hier bestehen weiterhin erhebliche Probleme beim Übergang in die Ausbildung, insbesondere bei Jugendlichen mit geringen oder keinen Qualifikationen.

Online-Redaktion: Vor welchen Aufgaben und Herausforderungen steht die Bildungspolitik weiterhin?

Maaz: Eine wichtige bildungspolitische Herausforderung ist, neben der quantitativen auch die qualitative Perspektive stärker in den Blick zu nehmen. Das gilt sowohl für den frühkindlichen Bereich als auch für die Ganztagsschulen. Das Konzept der Ganztagsschule ist grundsätzlich richtig und darf auch nicht in Frage gestellt werden. In Bezug auf den Abbau der sozialen Ungleichheiten hat man sich von diesen aber eine größere Wirkung erhofft, als sich aufgrund der aktuellen "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen - StEG“ nachweisen lässt. Es fehlen flächendeckend gute pädagogische Konzepte. Es gibt sie nur vereinzelt.

Ein entscheidendes Thema bleibt auch der weitere Abbau der Disparitäten, die insbesondere in den späteren bildungsbiographischen Bereichen relativ stabil sind. Hier müsste versucht werden, die positiven Erfolge weiter fortzuschreiben und meines Erachtens bildungsbereichsübergreifend zu handeln.
Ungleichheiten beim Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I lassen sich nicht abbauen, wenn sich die bildungspolitischen Bemühungen nur auf diese Schnittstelle konzentrieren. Kompetenzunterschiede entstehen viel früher, während der Grundschulzeit, zum Teil aber auch schon im Vorschulbereich. Darauf müsste man stärker reagieren.

Eine weitere Herausforderung ist die Angebots-Nachfrage-Relation bei den Ausbildungsplätzen in der dualen Ausbildung. Die Strukturen in den kleinräumigen Regionen sind sehr uneinheitlich, was beim Übergang in die Ausbildung zu einem Problem wird. Wenn das Angebot an Ausbildungsplätzen in einigen Regionen gering ist, hat das negative Konsequenzen insbesondere für Personen aus sozial schwächeren Familien.

Online-Redaktion: Welche Ergebnisse hat der aktuelle Bericht noch hervorgebracht?

Maaz: Der Bericht zeigt, dass neben den anhaltenden sozialen Disparitäten und den regionalen Disparitäten, die sich möglicherweise verschärfen können, insgesamt eine anhaltende Expansion besteht. Im oberen Bereich werden höhere Bildungszertifikate immer stärker nachgefragt, während es gleichzeitig Probleme in dem unteren Qualifizierungsbereich gibt. Der Anteil derer, die die Schule ohne Schulabschluss verlassen und die ohne Ausbildungsabschluss bleiben, ist relativ konstant geblieben. Er hat sich zwar leicht verringert, aber nicht in dem Maße, wie man sich das wünschte.

Dann haben wir weitere Verschiebungen in der Qualifikationsstruktur, insbesondere wenn es um den Zugang zum Ausbildungssystem geht: Seit 2003 fangen mehr junge Leute ein Studium an als eine duale Ausbildung. Außerdem gibt es im Schul- und im Hochschulbereich einen leichten, moderaten Anstieg in der Gründung an privaten Schulen und Hochschulen mit deutlichen Unterschieden zwischen den Bundesländern. Hier muss man darauf achten, dass sich nicht ein System zu verselbstständigen beginnt.

Online-Redaktion: Auch im Jahr 2006 war das Schwerpunktthema „Migration und Bildung“. Ist das Thema bewusst erneut gewählt worden, um zehn Jahre später einen Vergleich ziehen zu können?

Maaz: Ja, es war eine bewusste Wahl, um eine Bilanz ziehen zu können. Eine Zehnjahresperspektive schien dabei angemessen. Auch das Set der Indikatoren wurde für die bilanzierende Analyse im Wesentlichen konstant gehalten. Aber natürlich wurde die Wahl noch nicht vor dem Hintergrund der sich jetzt neu auftuenden Herausforderungen getroffen. Wir haben das Thema Schutz- und Asylsuchende mit berücksichtigt und auch versucht, relativ aktuelle Daten mit zu verarbeiten, aber das konnte natürlich nur im Rahmen einer Bestandsaufnahme passieren: Um wie viele Jugendliche und Kinder handelt es sich, wie groß muss der Bedarf an Personal und Finanzen sein etc.

Online-Redaktion:
Wie sehen die Veränderungen im frühkindlichen Bereich aus?

Maaz: Zunächst möchte ich hervorheben, dass es eine große Leistung in dem Bildungsbericht 2006 war, dass man die Entwicklung vom Ausländerkonzept zum Migrationskonzept geschafft hat. Es war eine der ersten Veröffentlichungen, die versucht hat, dafür zu sensibilisieren, dass man mit dem Ausländerkonzept der Staatsangehörigkeit Migration unzureichend beschreibt und mit Generationenfolgen beispielsweise ein viel differenzierteres Bild von Migration erreicht. Das heißt aber auch: Migration ist ein mehrdimensionales Merkmal. Es macht einen Unterschied, ob es sich um Personen in der ersten, zweiten oder dritten Generation handelt oder aus welchen Herkunftsländern sie kommen. Die Befunde sind sehr heterogen. Aber wenn man das berücksichtigt, kann man beispielsweise im frühkindlichen Bereich schon sehen, dass es in den letzten Jahren eine Angleichung der Bildungsbeteiligungsquoten gegeben hat. Es besuchen mehr Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund jetzt auch frühkindliche Bildungseinrichtungen, gleichzeitig ist aber der Unterschied zwischen den Kindern mit und ohne Migrationshintergrund nach wie vor groß, teilweise sogar größer geworden. Denn der Anstieg, der bei den Kindern mit Migrationshintergrund stattgefunden hat, hat noch einmal deutlicher auch bei denen stattgefunden, die keinen Migrationshintergrund haben.

Online-Redaktion: Wie sieht das im Schulbereich aus?

Maaz: Im Schulbereich haben wir nach wie vor deutliche Unterschiede in Bezug auf die Bildungsbeteiligung in den verschiedenen Bildungsgängen. Allerdings gibt es den positiven Befund, den ich vorhin schon kurz angedeutet hatte, dass gerade Jugendliche mit Migrationshintergrund in ihren mittleren Kompetenzen ‒ Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften ‒ besser geworden sind in den letzten zehn Jahren. Diese positiven Entwicklungen schlagen sich aber nur bedingt auch in den Abschlüssen nieder. Wir finden einen deutlichen Anstieg beispielsweise bei dem mittleren Abschluss, aber bei der Hochschulreife sind die Effekte eher moderat.

Online-Redaktion: Stichwort Durchlässigkeit: Ist das Wechseln auf eine höhere Schulform leichter geworden?

Maaz: Wir haben hier insgesamt einen positiven Trend. In den meisten Bundesländern werden die schulstrukturellen Voraussetzungen – nur noch eine zweite Schulform neben dem Gymnasium – dafür geschaffen, so dass das System insgesamt durchlässiger wird. In Berlin zum Beispiel ist der Wechsel auf das Gymnasium gar nicht mehr erforderlich, weil auch an den Sekundarschulen das Abitur erworben werden kann. Damit wird es auch für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund prinzipiell leichter, höherwertige Abschlüsse zu machen. Ein nicht zu vernachlässigender Anteil der allgemein bildenden Abschlüsse wird auch im beruflichen Bildungssystem gemacht.

Online-Redaktion: Wie sieht die Situation beim Übergang von der Schule zur Ausbildung/zum Studium aus?

Maaz: Wenn man sich den Übergang in die Ausbildung anschaut, sind die Unterschiede zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen nach wie vor eklatant. Ausländische Jugendliche haben nach wie vor größere Schwierigkeiten, in eine voll qualifizierte Ausbildung zu kommen. Und das hängt im Wesentlichen an den schulischen Qualifikationsmerkmalen. Das Nichtvorhandensein eines Schulabschlusses bzw. das Vorhandensein maximal des Hauptschulabschlusses sind nach wie vor die größte Barriere, um in eine entsprechende Ausbildung einzumünden. Unterproportional bleibt die Beteiligung auch im Hochschulbereich, hier wäre eine stärkere Beteiligung sehr wünschenswert.

Online-Redaktion: Gelingt es Schülern mit einem gleichwertigen Abschluss, einen Ausbildungsplatz zu bekommen?

Maaz: Diese Detailanalyse wurde in dem Bildungsbericht so nicht gemacht. Was wir aber insgesamt für das ganze Schulsystem wissen, ist, dass viele der migrationsspezifischen Effekte auch soziale Herkunftseffekte sind. Die Migrationspopulation und die Population der Personen ohne Migrationshintergrund sind nicht identisch. Familien mit Migrationshintergrund kommen häufiger aus den weniger sozial privilegierten Gruppen. Das bedeutet, dass ein Teil der Effekte, die wir als Migrationseffekte sehen können, eigentlich soziale Effekte sind. Wenn man Migration bildungspolitisch bearbeiten möchte, muss man immer auch die soziale Komponente mitdenken, sonst greift man zu kurz.

Online-Redaktion: Welche neuen Aufgaben ergeben sich durch die aktuell starke Zuwanderung für die Bildungspolitik?

Maaz: Bildungsangebote müssen für Flüchtlinge in allen Institutionen der verschiedenen Bildungsbereiche zur Verfügung gestellt werden. Die Bundesländer sind auch schon aktiv geworden. So gibt es einen deutlichen Anstieg der Vorbereitungsklassen an den allgemein bildenden Schulen zu verzeichnen. Langfristig muss man aber sehen, dass sich die Bedarfe möglicherweise vervielfachen werden. Nicht aufgrund weiterer Zuwanderung, sondern dadurch, dass die Mehrheit derer, die 2015 Asyl beantragt haben, unter 25 Jahre alt sind. Die Kinder, die jetzt die frühkindlichen Einrichtungen besuchen, gehen in wenigen Jahren auf die Grundschule, anschließend auf die Sekundarschulen, in die Ausbildung oder ins Studium. Es wird sich ein Stück weit kumulieren. Die Herausforderungen werden größer werden in der nächsten Zeit.


Prof. Dr. Kai Maaz, Direktor der Abteilung "Struktur und Steuerung des Bildungswesens" am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main/Berlin und zugleich Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildungssysteme und Gesellschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Schwerpunktthemen: Bildungsbiografien und Übergangsentscheidungen, Bildungsreformen, Entwicklung des Bildungssystems, Schulentwicklung und soziale Ungleichheit im Bildungssystem. Sprecher der Autorengruppe Bildungsberichterstattung seit 2014.

 

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 27.06.2016
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