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Nachhaltige Sprachförderung durch handlungsorientiertes Lesen

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Mit Spielgeschichten macht das Lesen auch Leseschwachen Spaß

15.12.2009

Spielgeschichte
Spielgeschichte
Für zahlreiche Kinder wird das Lesen schon bald nach der Alphabetisierung zur Last. Sie empfinden es als langweilig, schwierig und zu anstrengend. Ihre Motivation, ausserhalb des Unterrichts zu lesen, sinkt gegen Null. Bei nicht wenigen Knaben und Migrantenkindern ist ein „Leseknick“ oft bereits am Ende der Unterstufe festzustellen. Diese Risikokinder fallen gleichsam in ein „Leseloch“, aus dem sie kaum mehr herausfinden. Das Leseloch wird zum Bildungs- und Kulturloch für das ganze Leben. Der Schweizer Lehrer und Autor Willy Germann beschreibt, wie handlungsorientiertes Lesen eine ganzheitliche Sprach- und Leseförderung ermöglicht.
Anerkennung und Erfolg in der Gemeinschaft motivieren zum Lernen
Erschreckend ist insbesondere die Tatsache, dass sich manche Jugendliche Ende der Schulpflicht nahe am funktionalen Analphabetismus bewegen. Immer mehr Lehrmeister könnten ein Lied davon singen. Lesefrust an der Volksschule trägt zudem wesentlich zu einer zunehmenden Lernverweigerung bei, die vor allem auf der Oberstufe ganze Klassen belasten kann.

Lese- und Lernverweigerung sind nicht zuletzt die Folge einer immer technokratischeren Bildung mit einseitig kognitiver Leistungsbeurteilung, bei der die nicht-kognitiven Ressourcen der Risikokinder vernachlässigt werden. Dadurch werden Risikokindern wichtige Erfolgserlebnisse vorenthalten. Jedes Kind braucht aber Anerkennung und Erfolg in der Gemeinschaft als wichtigen Motor zum Lernen und zur Integration. Risikokinder aus bildungsfernen Milieus ganz besonders. Erfolgserlebnisse außerhalb herkömmlicher Leistungsbeurteilung stellen oft die beste Gewaltprävention dar.

Leseabstinenz bei „Risikokindern“ entsteht, obwohl immer mehr attraktive Lesestrategien, Leseportale, Leseaktionen und Texte entstehen, die zum Lesen ermuntern sollen. Dank elektronischer Hilfsmittel werden außerdem die Alphabetisierung verkürzt und das Textverständnis von Anfang an gefördert. Das alles sind wertvolle Anstrengungen, die bei sprachstarken Kindern nachhaltig Früchte tragen, die für bildungsferne Risikokinder aber leider oft wirkungslos bleiben. Es sind aber diese Risikokinder, denen wir vorrangig unser Augenmerk schenken müssten. Denn demotivierte Kinder belasten im Klassenplenum andere Kinder und bewirken oft eine Nivellierung nach unten. Dies ist einer der Gründe, weshalb zahlreiche Eltern ihre Kinder in eine Privatschule schicken.

Neben einer erlebnisarmen, einseitig kognitiven Leseförderung tragen aber auch konkurrierende attraktive Medienangebote zur Leseverweigerung vieler Kinder am Bildungsrand bei.

Im Wettbewerb mit Konkurrenzmedien
Heute können sich die Kinder Informationen und Unterhaltung viel bequemer und lustvoller über elektronische Medien beschaffen als über Bücher. Wenn die Schule Unterstufenkindern literarisch wertvolle Bärengeschichten anbietet, dann mögen sich manche Kinder aus geordnetem Milieu daran ergötzen. Mindestens die Hälfte der Knaben einer Primarklasse sieht aber fast täglich nicht niedliche Bären im Fernsehen, im Internet, bei Computergames, sondern furchterregende Krieger und Monster. Diese jungen Medienkonsumenten kämpfen und töten interaktiv mit brutalen Waffen gegen Metallkrieger, fahren und fliegen interaktiv mit aggressiv-schnellen Fahrzeugen. Solchen Medienkonsum mag die Schule zu Recht bedauern. Sie kann ahnungslose Eltern besser informieren und mehr in die Pflicht nehmen, aber sie muss sich diesem Medienwettbewerb stellen. Nicht indem sie die grassierende „Medieneinsamkeit“ der Kinder vor elektronischen Medien übernimmt und voreilig oder übermäßig auf das individuelle Lesen setzt. Auch nicht, indem sie Lesestoff mit Zombies, Monstern, Weltraumwaffen bietet, sondern andern spannenden Inhalt mit starken Identifikationsfiguren, mit ungeschminktem Realitätsbezug oder Komik, vor allem aber mit kreativer Interaktion. Nicht Interaktion mit der Maus, der Tastatur oder der Konsole, sondern Interaktion im gemeinsamen Spiel. Handlungsorientiertes Lesen mit Spielgeschichten kann Lesen auch für leseträge Kinder zum nachhaltigen Erlebnis machen, gerade weil es anregende Vernetzungen und Synergien zwischen den Lesedidaktiken und der Theaterpädagogik schafft, aber auch Brücken zur Musik, zum Sachunterricht und zum Gestalten schlägt. Eine solche Lesestrategie spricht also unterschiedliche Intelligenzen, unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse der Kinder an. Es ist ganzheitliche Sprachförderung, die alle Sinne anspricht, die Bewegung und Emotionen auslöst. Handlungsorientierte Lese- und Sprachförderung hat zudem einen stark integrativen Charakter, vor allem indem sie selbst leseschwachen Kindern Erfolgserlebnisse ermöglicht, zugleich aber auch den Lesestarken Spass macht.

Anspruchsvoll aber wertvoll
Doch gemeinsames handlungsorientiertes Lesen liegt nicht im bildungspolitischen Mainstream, wo Individualisieren, Fachspezialisierung überbetont, Ganzheitlichkeit und unkompliziertes fächerübergreifendes Schaffen eher marginalisiert werden. Gewiss, freies individuelles Lesen ist neben dem handlungsorientierten Lesen in der Klasse unentbehrlich und angesichts der unterschiedlichen Niveaus sehr wertvoll. Aber Lese- und Spielerlebnisse in der Klasse oder Gruppe sind für manche Kinder Voraussetzung und Motor für individuelles Lesen. Dies ganz besonders für Knaben zwischen dem 2. und 4. Schuljahr.

Lesen mit Spielgeschichten ist aber anspruchsvoll. Denn die Grenzen zwischen Unterforderung und Überforderung liegen nahe beieinander. Gerade Risikokinder, die übermässig neue Medien konsumieren, verfügen meistens über geringe Lesekompetenzen und einen geringen Wortschatz. Aber gerade sie lassen sich mit einfachem „Kurzfutter“, das auf ihre bescheidenen Sprachkompetenzen ausgerichtet ist, nicht mehr abspeisen. Von längeren, handlungsintensiveren Geschichten und einem entsprechend reicheren Wortschatz sind sie beim individuellen Lesen aber heillos überfordert. Spielgeschichten können dieses Dilemma lösen. Sie vermögen selbst schwierigste Machos mit Migrationshintergrund zu fesseln, wenn diese Geschichten handlungsintensiv sind und dadurch Spielhandlungen auslösen, die nicht sofort hohe intellektuelle Ansprüche stellen. Dies ist allerdings nur möglich, wenn gilt: Nicht alle müssen alles lesen. Dies ist eine Herausforderung an eine sinnvolle sozialorientierte Binnendifferenzierung. Die Lesestarken erhalten dabei die Chance zu einer besonders wertvollen Form des Lernens: Lernen durch Lehren. Sie können vorlesen, erzählen, am Computer Zusatzinformationen holen, Geschichten weiterspinnen, Szenen für ein Bausteintheater entwickeln, worin jedes Kind seine Stärken einbringen kann.

Die Leseschwachen, nicht zuletzt Migrantenkinder mit anderen kulturellen Wurzeln verfügen oft über reichere Ausdrucksformen als wir Europäer. Viele dieser Kinder haben ihre ausgeprägten Stärken im darstellenden Spiel in verschiedenen Sprachen, in der Bewegung, in der Pantomime, im Tanz, in der Musik, aber auch im Gestalten. Handlungsorientiertes Lesen erfüllt also immer auch den Anspruch der Ressourcenorientierung. Spielgeschichten sollten immer auch einen kreativen Rahmen bilden, worin sich Phantasie, kreativer Nonkonformismus, Spontanität, Intuition und Auftrittssicherheit entfalten können: lauter nicht messbare Kompetenzen. Handlungsorientiertes Lesen mit Spielgeschichten bildet auch die beste Voraussetzung für den wohl schwierigsten und wertvollsten Schritt im theaterpädagogischen Schaffen: den möglichst unbeschwerten Schritt vom Spielen im Plenum zum Vorspielen vor dem Plenum: ein Schritt hin zu mehr Selbstvertrauen. Musik ist dabei die beste Hilfe. Theaterpädagogik, Musik, Gestalten, Bewegung sollten deshalb Bestandteil jeder Sprachdidaktik sein.

„Eingebettete Spiele“, insbesondere das synchrone oder anschliessende Spiel eines Textes erleichtern Leseschwachen immer auch den kognitiven Prozess der Textentschlüsselung. Ein Text, eine Handlung, die Sprachschwache – bisweilen auch bloß als Imitation der Sprachstarken – spielen, verstehen die Kinder viel schneller und lustvoller.

Nachhaltige Sprachförderung
Die Hirnforschung hat schon längst bewiesen, dass sich Musik und Bewegung positiv auf das Sozialverhalten und das kognitive Schaffen auswirken. Ohne Zweifel wird früher oder später der Beweis erbracht werden, dass das ganzheitliche Zusammenwirken von Lesen, Spiel, Musik, Bewegung und Gestalten für Risikokinder die nachhaltigste Sprachförderung darstellen kann. Trotzdem wird solche Sprachförderung durch das vorherrschende kurzsichtige Ziel- und Effizienzdenken erschwert. Braucht es noch mehr Lese- und Lernverweigerung, verbunden mit Destruktion und Gewalt, bis dieses Denken hinterfragt wird?

Author: Willy Germann

Über den Autor:
Willy Germann ist Lehrer, Autor, Kursleiter und Rezensent. Er verfügt über langjährige theater- und musikpädagogische Erfahrungen. Er hat das Bausteintheater als Form des ressourcenorientierten musischen Schaffens entwickelt: www.bausteintheater.ch. Von Willy Germann sind kürzlich weitere Spielgeschichten im Comenius-Verlag erschienen: www.comenius-verlag.ch.


Siehe auch: Leseförderung in der Schweiz

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