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Die USA – “A nation of avid readers“?

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Eine essayistische Reportage

9.12.2008

Anette Zerpner

Der American Way of Life und eine lebendige Lesekultur - wie passt das zusammen? Annette Zerpners Reisereportage in den amerikanischen Alltag zeigt: vielerorts ausgesprochen gut. Für ihre aufschlussreiche Positionsbestimmung der Buchkultur in einer von sozialen und politischen Widersprüchen geprägten Gesellschaft erhielt die Autorin den ersten Preis des Dietrich Oppenberg-Medienpreises 2008. Der Text entstand mit Unterstützung eines „kontext-Recherchestipendiums“ der E.ON Ruhrgas AG und wurde zuerst in „scripten 11“ veröffentlicht.



„Outside of a dog, a book is man's best friend. Inside a dog, it's too dark to read.“ – Das Harold Washington Library Center in Chicago empfängt Besucher der Abteilung „Populäres“ mit Linoleum, Neonlicht, vielen niedrigen Regalen voller schiefgelesener Bestseller in Taschenbuchausgaben und einem unübersetzbaren Wortspiel von Groucho Marx als Wandschriftzug hinter dem Verbuchungstresen. Gewissermaßen als Ausgleich zur ironischen Feststellung des Komikers mahnt links davon ein Zitat der Historikerin Barbara Tuchman zu kulturhistorischem Bewußtsein und Verantwortung: „Bücher sind die Boten der Zivilisation.“ Am Hauptstandort der Chicago Public Library haben nicht nur Gedanken philosophischer Schwergewichte wie Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau oder Verse einheimischer Dichter von Carl Sandburg („The peace of great books be for you.“) bis Gwendolyn Brooks („Books are meat and medicine / And flame and flight and flower“) ihren Weg an die Wände gefunden. „Hey, wissen Sie eigentlich, wer diesem Thoreau-Typen erlaubt hat, da rumzuschmieren?“ fragt grinsend ein älterer Mann mit einer Büchertüte, als er die Besucherin mit zurückgelegtem Kopf im Aufgang stehend Zitate entziffern sieht. Seinen Humor soll der amerikanische Lesewillige nicht im Schließfach zurücklassen, wenn er eine öffentliche Bibliothek betritt – und er tut es offenbar auch nicht. Mit Slogans wie „Read, Learn, Have Fun“ werden nicht nur die Jüngsten in diversen Kampagnen aufgefordert, Lesen und Lernen nicht als Schulpensum, sondern als spaßbringenden, aufregenden Zeitvertreib zu begreifen. In der mittlerweile ebenso hedonistisch wie puritanisch geprägten Gesellschaft der Vereinigten Staaten ist das naheliegend und ein aussichtsreicher Weg, möglichst viele Kinder auf eine Leselaufbahn zu schicken und sich die Aufmerksamkeit der Erwachsenen sichern.

Benjamin Franklin – seines Zeichens Verleger, Essayist, Forscher, Politiker sowie laut Autobiographie ein Mann von strikten Prinzipien und noch strikterem Tagesablauf – konnte davon nichts ahnen, als er 1731 in Philadelphia die Gründung der ersten öffentlichen Leihbücherei in den Vereinigten Staaten vorantrieb. Gebilligt hätte er es sicher nicht. Lesen war für die Nachkommen der Pilgerväter religiöse wie politische Pflicht, kein Vergnügen. „Den Amerikanern, unter denen Franklin lebte, bedeutete das gedruckte Wort [...] sehr viel, vielleicht mehr als jeder anderen Gruppe von Menschen vorher oder nachher,“ schreibt Medienwissenschaftler Neil Postman in seinem Klassiker „Wir amüsieren uns zu Tode“ über die Lesekultur seiner Landsleute im 18. Jahrhundert.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert betrachteten die ins Land strömenden armen Europäer die kostenlosen öffentlichen Schulen und Bibliotheken ihrer neuen Heimat dankbar als ersten Baustein zum sozialen Aufstieg ihrer Familien. Die russisch-jüdische Immigrantin Mary Antin kam als kleines Mädchen und feiert in ihren Memoiren „Das gelobte Land“ von 1912 die gelungene Assimilation durch Bildung ebenso ausführlich wie blumig. Die öffentliche Bibliothek von Boston wird bei ihr zum „Palast“, in dem allen Bürgern „die herrliche Prozession der Möglichkeiten“ begegnet.
An dieser Rhetorik hat sich im 21. Jahrhundert wenig geändert. „Bibliotheken sind Teil des amerikanischen Traums,“ beginnt 2006 die Bekanntmachung zur „National Library Week“, die seit 1958 jeden April zwischen den Nationalen Wochen des Lachens und des Gärtnerns begangen wird: „Es sind Orte der Möglichkeiten, der Bildung, der Selbsthilfe und des lebenslangen Lernens.“ Mit den Worten „Als ich meine Bibliothekskarte bekam, war das, als bekäme ich die Staatsbürgerschaft – die amerikanische Staatsbürgerschaft,“ ist Oprah Winfrey, Vorsitzende und Aushängeschild des „größten Buchclubs der Welt“, auf der zentralen Ebene der Harold Washington Library an einer Wand präsent. Als eine der bekanntesten Talkshow-Gastgeberinnen des Landes ist die in Chicago lebende afro-amerikanische Schauspielerin eine Instanz in fast allen Lebenslagen und stellt seit zehn Jahren in ihrer Sendung Klassiker und Neuerscheinungen vor. Zu den seltenen ausländischen Büchern in „Oprah's Book Club“ gehörte Bernhard Schlinks „Vorleser“. Eine Million Mitglieder können sich in virtuellen Foren und darüberhinaus in der eigenen Nachbarschaft treffen, über die ausgewählten Bücher mitdiskutieren und dabei Fragenkataloge, Expertenbeistand und andere Hilfen nutzen, die der Club gratis offeriert. Trotz aller Vorurteile aus dem „alten Europa“ gegenüber einer dauerfernsehenden Nation, für die ein Ausflug nach Disneyland in die Rubrik „kulturelle Aktivitäten“ fällt, ist das Medium Buch für viele US-Amerikaner eine feste Größe, der man sich in Foren und Autorengesprächen viel unbefangener nähert als hierzulande. Dazu trägt die fest verwurzelte, urdemokratische Vorstellung bei, daß jedermanns Meinung zumindest anhörenswert ist. Romanfiguren begegnen nicht wenige Leser auf „Du und Du“, indem sie deren Erfahrungen empathisch abgleichen und unter Umständen harsch einfordern, daß sie sich zusammenreißen und ihr Verhalten ändern sollen. So schreibt eine Leserin in einer Online-Kritik zu Edith Kelleys Pionierinnen-Roman „Weeds“ über die Hauptfigur ziemlich empört: „Sie ist selbstbezogen, zieht sich aus der Verantwortung und zeigt keinerlei Einfallsreichtum, um ihre Lage zu verbessern. Sie ist keine Persönlichkeit, die man mögen kann.“

Diese distanzlose Herangehensweise wird ein professioneller Kritiker schnell als naiv und am Sinn eines literarischen Kunstwerks vorbeigehend abtun. Sie ist aber äußerst geeignet, um dem Lesen Popularität zu sichern und der einsamen Lektüre die zusätzliche Dimension einer Gemeinschaftserfahrung zu geben – sowohl mit fiktionalen Charakteren wie mit anderen Lesern. Das muß gar nicht so konkret umgesetzt werden wie in der Kampagne „One Book, One Chicago“, die in anderen Städten des Landes als „A City Reads a Book“ ebenfalls aufgelegt wurde. Es genügt bereits der unbewußte Konsens, daß Literatur ein gutes Vehikel zur Selbsterfahrung und -verbesserung darstellt und als Grundlage zur Diskussion gemeinsamer Werte dienen kann. Dies ist in den USA ausgeprägt der Fall, während in Deutschland oder Frankreich eher die schulmeisterlich-traditionelle Einstellung „Das sollte der gebildete Mensch eigentlich kennen!“ jemanden ein Buch zur Hand nehmen oder eben mit schlechtem Gewissen wegschieben läßt. Selbst der Streit der Bürger von New York City, die „A City Reads a Book“ schließlich mit der Begründung ablehnten, dies sei für ihre vielfältige Stadt nicht angemessen, war ja eine in die breitere Öffentlichkeit getragene, letzten Endes fruchtbare Auseinandersetzung um einen Kanon, die in den Vereinigten Staaten seit dem Aufbruch von Bürgerrechts-, Frauen-, und Schwulen-Bewegung in den 1960er und 70er Jahren geführt wurde – allerdings fast ausschließlich an Universitäten.
In Chicago hat man in den 11 Auflagen der Aktion seit 2001 einen guten Wechselmodus gefunden zwischen in die Defensive geratenen „Klassikern“ und Büchern, die das Leben aus einer besonderen ethnischen Perspektive heraus beschreiben: Mal „To Kill a Mockingbird“, mal Elie Wiesels KZ-Erinnerungen und im letzten Herbst der im Jahr 2000 zu Pulitzerpreis-Ehren gekommene Kurzgeschichtenband „Interpreter of Maladies“ der jungen indisch-amerikanischen Autorin Jhumpa Lahiri. Sie alle wurden mit einem ausführlichen Begleitprogramm, Diskussionen und Autorenlesungen gefeiert. „Wenn man den Anstecker mit 'I read Mockingbird' trug, konnte man während einer U-Bahn-Fahrt von der Innenstadt in die Vororte manchmal gleich mit mehreren Leuten ins Gespräch kommen,“ erzählt Margaret Killackey, Pressesprecherin der Chicago Public Library. Auch in Deutschland haben einige Städte bereits mit „Eine Stadt liest ein Buch“ experimentiert, die Begeisterung war aber bei weitem nicht so groß wie in den Vereinigten Staaten, wo die Aktion in mehreren Großstädten zur festen Institution geworden ist.

Ob sie ihn nun nutzen, um Gedichte, Kochbücher oder DVDs auszuleihen, rechtliche Nachschlagewerke einzusehen oder sich am öffentlichen Computer online zu bewerben – 62% der Erwachsenen in den Vereinigten Staaten besitzen einen Bibliotheksausweis. Diese Zahl stammt von der in Chicago ansässigen American Library Association (ALA), die am besten weiß, wie es tatsächlich um die nationalen Lektüregewohnheiten zwischen Kalifornien und Maine, Washington und Florida bestellt ist. Seit 130 Jahren verfolgt die weltweit älteste und mitgliederstärkste Vertretung von Bibliothekspersonal die Interessen ihrer Mitglieder. Wie andere Berufsorganisationen legt sie Ausbildungsstandards fest, organisiert Weiterbildungen und hilft bei rechtlichen Problemen. Außerdem entwickelt sie einheitliche Presse- und Hilfsmaterialien („Stell Deine Bibliothek ins Rampenlicht!“) und eine beindruckende Fülle von professionellem Werbematerial – von Plakaten über Aufkleber und Tassen bis zum winzigen T-shirt, in dem wahlweise unter dem Motto „Born to read“ oder „Naci para leer“ gestrampelt werden kann. Hinzu kommen regelmäßige Leseempfehlungspublikationen für Kinder und Erwachsene und eine vielfältige Zusammenarbeit mit anderen Organisationen bei Aktionen wie „National Library Week“, „National Poetry Month“, „No Child Left Behind“ oder der Auswahl der zweitausend Empfänger des „We the People“- Bücherbords. Das wird jedes Jahr vom „National Endowment for the Humanites“ zu einem „wichtigen Thema zum Erbe der Nation“ neu zusammengestellt. Zuletzt konnten sich sämtliche Schul- und öffentlichen Bibliotheken des Landes um die „The Pursuit of Happiness“ bewerben. Es wäre sicher interessant, eine derartige Aktion in Zeiten verstärkter Debatten um Werte und nationale Identität auch in Deutschland durchzuführen. Staatliche Hilfe gebe es für die ALA nicht, auch Sponsorengelder seien keine dauerhafte Größe im Budget, erklärt Deborah Robertson, Direktorin des Büros für öffentliche Programme: „Wir sind eine landesweite, private Organisation, die sich vor allem durch Mitgliedsbeiträge und eigene Publikationen finanziert. Das macht uns unabhängig.“ Mit am Tisch sitzen die Direktorinnen zweier Unterorganisationen, Julie A. Walker von der American Association of School Librarians (AASL) und Diane Foote von der Association of Library Service to Children (ALSC), die eine ganze Palette von Preisen an herausragende Kinder- und Jugendbücher vergibt. Die beiden wichtigsten nationalen Auszeichnungen, die Newbery-Medaille für das beste Kinder- und die Caldecott-Medaille für das beste Bilderbuch, haben in den USA das Prestige des Deutschen Jugendliteraturpreis in den entsprechenden Kategorien und sichern der ALSC jedes Jahr großes öffentliches Interesse. Eine derartige Vernetzung und Bündelung diverser Aufgaben beim nationalen Bibliothekarsverband existiert in Deutschland nicht, weshalb die öffentliche Wirkung des hiesigen überhaupt nicht mit der der Schwesternorganisation in den USA zu vergleichen ist.

Schulbibliotheken gehören in den Vereinigten Staaten zwar zum Schulalltag wie persönliche Schließfächer und die Cafeteria. Das heißt jedoch nicht, daß alles perfekt funktioniert. „Die meisten Schulen haben einen Raum, den sie Bibliothek nennen. Aber zu einem guten Schulmedienzentrum gehören auch ausgebildete Fachkräfte und ein Programm. Neue Medien sind keine Konkurrenz zum Buch, sondern eine hervorragende Ergänzung. Aber man darf die Schüler nicht mit ihnen allein lassen,“ sind sich Julie A. Walker, Diane Foote und Deborah Robertson einig. Mit großer Selbstverständlichkeit gelten Stellenausschreibungen heutzutage den „school library media specialists“, die einem 15jährigen ebenso dabei helfen, im Internet zuverlässig ergänzende Informationen zu seinem Naturwissenschaftsprojekt zu finden, wie sie einer ägyptenbegeisterten 13jährigen historische Romane zu ihrem Lieblingsthema empfehlen können. Die AASL hat für dieses erweiterte Berufsbild Ausbildungsstandards entwickelt und Richtlinien für Schulen herausgegeben. Per Internet werden auch Interessenten betreut, die mit ihrer Schulbibliothek „bei null“ beginnen. Ein regelmäßiges Ärgernis für liberale Eltern, Lehrer und Bibliothekare sind Klagen gegen bestimmte Bücher in den Regalen einer Schulbibliothek. Diese Besonderheit hat sich herumgesprochen: „Die meisten Anfragen aus dem Ausland bekommen wir zu diesem Thema,“ bedauert ALA-Pressesprecherin Larra Clark. Wenn im Juli dieses Jahres der siebte Rowling-Band mit dem provozierenden Titel „Harry Potter und die tödlichen Heiligen“ erscheint, ist Ärger wohl wieder programmiert. Die ALA unterhält ein besonderes „Büro für intellektuelle Freiheit“, das von derartigen „challenges“ betroffene Verantwortliche berät. „70% aller Klagen gelten Schulbibliotheken,“ sagt Julie Walker. Angegriffen werden nicht nur Romane um hexende Internatszöglinge oder „Brokeback Mountain“, Annie E. Proulx' homosexuelle Liebesgeschichte zweier Cowboys, die sich als offensichtlicher Aufreger für konservative Moralhüter geradezu anbietet. Amüsiert erzählt Walker, daß sogar ein Band der beliebten vierzig Jahre alten Bilderbuchreihe „Clifford, the Big Red Dog“, deren Held ein roten Riesenhund mit menschlichen Fähigkeiten ist, aus einer Grundschule in Kalifornien verbannt wurde: „In der Geschichte sind die Eltern nicht zu Hause, also kümmert sich Clifford um die Kinder. Das wurde als Darstellung von Vernachlässigung gewertet, die für Kinder ungeeignet ist.“ So absurd solche Begründungen wirken, meistens können Bibliothekarinnen darüber nicht lachen. Sie sind Zensurversuche, gegen die sich die ALA gemeinsam mit einer Reihe weiterer Organisationen der Buchhändler, Journalisten, Autoren und Verleger zur Wehr setzt. Davon, daß von der jährlichen sogenannten „Bikini-Ausgabe“ einer Sportillustrierten keine Gefahr für eine nennenswerte Anzahl Schüler ausgeht, ist Julie Walker, selbst ehemalige Schulbibliothekarin, allerdings auch noch aus einem anderen Grund überzeugt: „Die war immer schon geklaut, bevor wir sie ins Regal räumen konnten.“
In Chicago hat sich der kostenlose öffentliche Zugang zu Büchern und anderen Medien entgegen dem Landestrend extrem verbessert. Seit 1989, dem Antrittsjahr des aktuellen Bürgermeisters Daley, ist die Zahl der Stadtteilbibliotheken von 24 auf 76 gestiegen. Landesweit sei das Ziel, genügend geeigneten Lesestoff für alle bereitzustellen, aber noch lange nicht erfüllt, dämpfen die ALA-Vertreterinnen die Begeisterung: „Gerade in den schwierigen Innenstadtbezirken sind die Kinder sehr oft noch immer von solchen Büchern abgeschnitten, die für sie wichtig wären.“ Damit sind nicht nur Bücher in einer anderen Muttersprache als der englischen gemeint, sondern auch Geschichten, mit denen Kinder und Jugendliche mit Migrations- oder Ghettohintergrund etwas anfangen können, weil sie ihre häufig unerfreulichen Lebenserfahrungen widerspiegeln und trotzdem Inspiration bieten.

An diesem Freitagnachmittag ist die Kinder- und Jugendbuchabteilung des Harold Washington Library Center so gut wie verlassen. Ein einziges Mädchen sitzt an einem der Computer. „Freitagnachmittag ist schulfrei und wer kann, macht früher Schluß, um etwas mit den Kindern zu unternehmen,“ erklärt Pressesprecherin Margaret Killackey. In die Bibliothek zu gehen gehört anscheinend nicht dazu. Sie versichert, daß es ansonsten hier sowie in den 76 Nachbarschafts- und 2 Regionalbibliothek im Stadtgebiet wesentlich lebhafter zugeht. Die dreimonatigen sommerlichen Leseprogramme, die es mit unterschiedlichen Partnern seit 1977 gibt, ziehen bis zu 43 000 Kindern an. Letzten Sommer gab es eine Kooperation mit dem Field Museum, dessen große Tut-Ench-Amun Wechselausstellung Oberthema aller Veranstaltungen war.
Das fünfzehn Jahre alte, größte öffentliche Bibliotheksgebäude der Welt bietet beinahe soviel Platz für Bücher, Medien und Leser wie neun Fußballfelder, nämlich 70 000 Quadratmeter. Chicagos Bibliothek ist keine Insel der Seligen, davon zeugen Sicherheitspersonal und Schilder, die beweisen, daß nicht nur mangelnde Lesebegeisterung Bibliotheken vor Probleme stellt: Man wird aufgefordert, minimale hygienische Anforderungen zu erfüllen, keine Hunde mitzubringen, keine Drogen und keinen Alkohol zu sich zu nehmen oder die Bibliothek nicht als Notschlafstelle zu nutzen. Sämtliches Informationsmaterial ist auch hier, im Norden der Vereinigten Staaten, auf spanisch erhältlich. Sehr gut besucht zeigt sich das Computerzentrum, wo jedes Mitglied kostenlos eine begrenzte Zeit im Internet buchen kann. Neben umfangreichen Beständen an Literatur, Sachbüchern und audiovisuellen Medien, einer Blindenbibliothek, fremdsprachlichen Sammlungen, Nachschlagewerken und Weiterbildungsmaterialien bietet die Bibliothek eine historische Sammlung zur Stadtgeschichte, die über eine Million Exponate umfassende graphische Sammlung, eine umfangreiche Musiksammlung, Übezellen mit Klavieren und einen Kammermusikraum sowie das Chicago Blues Archiv. „Diese Bibliothek ist das Gedächtnis der Stadt, das Gedächtnis der Leute hier. Gerade das Blues Archiv, das die lokalen Musiktradition dokumentiert und regelmäßig Ausstellungen präsentiert, erfüllt diese Funktion,“ erklärt Killackey.
Eine ältere afro-amerikanische Dame mit kurzen grauen Haaren in einem eleganten, leuchtend türkisfarbenen Kostüm sowie Pumps in einem Stil, den man vermutlich zu einer Tee-Einladung bei Jackie Kennedy trug, hat historische Kochbücher auf einem Tisch ausgebreitet und schreibt in steiler Schrift daraus ab. Eine Anzahl eng beschriebener Blätter zeugt davon, daß sie nicht erst seit kurzem dort sitzt. „Miss, sind Sie Bibliothekarin?“ ruft sie der vorbeieilenden Margaret zu. Sie verspricht, gleich jemanden vorbeizuschicken: „Die Leute wissen, was sie als unsere Leser hier erwarten können und haben keine Hemmungen, diesen Service auch einzufordern. Es ist schließlich ihre Bibliothek und sie sind stolz darauf.“

Auf die Frage, wie sich die kommerzielle Konkurrenz der Buchhandlungsketten auswirke, die in Großstädten mittlerweile von vielen als angenehmere Alternative zu den nicht selten etwas vernachlässigten Stadtteilbibliotheken betrachtet wird, gab ALA-Public-Programs-Direktorin Deb Robertson eine vorsichtige Antwort: „Wir versuchen, einige der Merkmale, die Barnes & Noble so attraktiv machen, bei der Gestaltung von Bibliotheken zu berücksichtigen.“ Diese Charakteristika sind Niedrigschwelligkeit und Freizeitatmosphäre: In diesen Filialen fühlt sich jeder willkommen und wer sich nicht massiv danebenbenimmt, wird anscheinend in Frieden gelassen. Sie haben lange Öffnungszeiten, es gibt Sessel und Sofas, angenehme Musik, die neuesten Zeitschriften und Bücher sind in ausreichender Stückzahl vorhanden und niemand scheint etwas dagegen zu haben, daß man (noch) nicht erworbene Exemplare beim Kaffee im angeschlossenen Coffeeshop probeliest. Ein Stapel durchweichter Magazine, ausgemustert hinter einem Sichtschutz auf dem Weg zu den Toiletten, führte der verwunderten deutschen Besucherin einer New Yorker Filiale von Barnes & Nobles die Folgen dieser Praxis vor einiger Zeit vor Augen. Was dort toleriert wird, wäre für den begrenzten Bestand einer Bibliothek allerdings der Ruin.
In einer Barnes & Noble Filiale ganz in der Nähe der Harold Washington Library ist die Abteilung für Kinderbücher auch an einem Freitagabend gegen 19 Uhr noch gut besucht. Schulranzen, Winterjacken und Kinderschuhe liegen zwischen kleinen Tischen auf dem Boden. Stofftiere und anderes Spielzeug gehören zum Inventar. Einige Mütter, noch in Bürobekleidung oder mit einem Gebäudepaß am Revers, sind nach der Arbeit und dem Abholen der Kinder direkt hergekommen. Sie stöbern in Ruhe oder lesen Bilderbücher vor. Eine Familie Wochenendtouristen aus einem kleinen Ort in Indiana ruht sich im angeschlossenen Starbucks-Café von ihren ersten Stunden auf den Straßen Chicagos aus. Die Mutter betrachtet ein Bastelbuch mit Tips, wie man ein "scrap book", eine Art Erinnerungsbuch, anlegt. Die ältere Tochter ist in den neuen Band einer Reihe um eine Highschool-Mädchenclique vertieft, die sich eine glückbringende Jeanshose teilt, während die jüngere ihr Herz an einen Polarhund aus Plüsch verloren hat, der zum Verkauf steht. "Oh, wie niedlich. Aber Schätzchen, Du hast doch schon jede Menge Stofftiere. Wolltest Du nicht ein Buch – das mit dem Pferd, wolltest Du das nicht?" Erstaunlich friedfertig – oder zu erschöpft für Protest? – setzt sich die Kleine wieder zu dem Stapel Kinderbücher, die anscheinend in die engere Wahl kommen. Auch als Bruder und Vater hinzustoßen, bricht die Familie noch lange nicht auf. Hier scheint tatsächlich ein guter Ort zu sein, um sich von der Stadt zu erholen. Oder um zu arbeiten: Am Nachbartisch ist eine junge Frau ganz in ihre Unterlagen vertieft und hat Bücher zu wirtschaftswissenschaftlichen Themen neben einer extragroßen Tasse Kaffee aufgestapelt:„In der Bibliothek sind sie verliehen und manchmal dauert es auch zu lange, bis sie überhaupt ausleihbar sind“, erklärt die Studentin, die gleich nebenan an der DuPaul University studiert. „Und sie sind teuer. Deshalb komme ich hierher. Es ist auch wirklich gemütlich.“ Ein schlechtes Gewissen hat sie nicht: „Ich bin sehr vorsichtig, damit die Seiten keine Flecken oder Knicke bekommen.“ Andere Studenten haben ihre Lerngruppe hierher verlegt, ein unterirdischer Gang führt vom Untergeschoß des Geschäfts direkt in die Räume der Universität.
Gegen 21 Uhr hat sich die Kinderbuchabteilung geleert bis auf einen älteren Mann, der in einem bequemen Stuhl über einem Buch mit Schachproblemen eingeschlafen ist und eine gähnende Latina, die versucht, ihren etwa vierjährigen Sohn auf den Heimweg vorzubereiten. Der ist vollkommen in ein Bilderbuch über Feuerwehrautos versunken und äußerst ungehalten über Versuche, ihn anzuziehen und von seiner Lektüre zu trennen. Drei Stunden seien sie doch jetzt hier gewesen, hört man die Mutter vergebens auf spanisch appellieren. Wildes Sträuben und Gebrüll folgen, bis die beiden die Treppe hinter sich gebracht haben und an den Kassen und der Papeterieabteilung vorbei durch die Glastür ins Freie gelangt sind. Während man sie am Fenster vorbeiziehen sieht, fällt einem wieder Groucho Marx ein. Um derartig dramatische Trennungsszenen zu vermeiden, sollte die Mutter dem Kleinen am besten noch einen Hund kaufen, der zu Hause wartet. Schließlich ist der doch neben dem Buch der andere beste Freund des Menschen.

Autorin: Annette Zerpner

Über die Autorin:
Annette Zerpner, Jahrgang 1972, aufgewachsen im Ruhrgebiet, lebt in Berlin. Studium der Literaturwissenschaften in Konstanz und Dublin. Hospitanzen u.a. bei der New Yorker Emigrantenzeitung „Aufbau“, beim Kulturmagazin Lettre International, im F.A.Z.-Feuilleton und bei der „Stiftung Lesen“. Schreibt über Literatur- und Kulturthemen sowie an ihrer Doktorarbeit über historische Romane aus den USA.

Dietrich Oppenberg-Medienpreis
Der im Jahr 2000 verstorbene Namensgeber des Preises, Dietrich Oppenberg, war Gründer und langjähriger Herausgeber der NRZ Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung in Essen und ein Förderer der publizistischen Kultur in Deutschland. Seit 2001 werden jährlich vier herausragende journalistische Beiträge zum Thema Lesekultur prämiert. Initiatoren des Preises sind Stiftung Presse-Haus NRZ und die Stiftung Lesen.

Siehe auch: Leseförderung in den USA

For international visitors: The USA – “A nation of avid readers“?

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